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Am 7. Februar 1812 wurde Charles Dickens geboren, der zu einem der wichtigsten Autoren seiner Zeit werden sollte. Mit seiner Weihnachtsgeschichte und Romanen wie Die Pickwickier, Oliver Twist und David Copperfield hat er die Weltliteratur reich beschenkt. Doch sein letzter Roman, Das Geheimnis des Edwin Drood blieb unvollendet. In monatlichen Lieferungen an die neugierigen Leser hatte Dickens erst ungefähr zwei Drittel des geplanten Plots zu Papier gebracht, als er am 9. Juni 1870 plötzlich verstarb.
"Drood"-Forschung und das Geheimnis des Unvollendeten
Der Roman trägt das Wort "Geheimnis" nicht nur im Titel, sondern ist als Ganzes tatsächlich ein großes Geheimnis geblieben. Das unvollendete Manuskript hat sofort nach Dickens Tod die Fantasie der Leser entzündet, und das ist bis heute so geblieben. Der Roman war bereits bis zu Kapitel 22 fertig gestellt, doch es gibt keinerlei Aufzeichnungen, wie die mysteriöse Geschichte und der mögliche Mord an Edwin Drood weitergehen könnte. Und so haben sich unzählige Stimmen zu Wort gemeldet, es hat sich eine eigene Drood-Forschung herausgebildet, man könnte ganze Bibliotheken mit Deutungen und Fortschreibungen des Romans füllen, es gab sogar eine Gerichtsverhandlung, in der George Bernhard Shaw auftrat, und eine der tollkühnsten Literatursatiren zum Thema hat das italienische Autoren-Duo Fruttero & Lucentini geschrieben (Die Wahrheit über den Fall D.).
Dickens' Roman ist ein Irrgarten der Möglichkeiten, eine Mischung aus Schauermärchen sowie Liebes- und Kriminalroman. Es gibt Indizien zum Fortgang der Handlung, aber niemand kann mit letzter Gewissheit sagen, worin das Geheimnis des Edwin Drood bestehen und wie man es lösen könnte.
Spannungsreiche Konstellationen
Wir erfahren, dass der junge Ingenieur und Orientforscher Edwin Drood immer wieder mit dem Pferdefuhrwerk von London nach Cloisterham zu Besuch kommt. Cloisterham ist die Fiktionalisierung von Dickens' langjährigem Wohnort Rochester, hier lebt in einem Mädchenpensionat Edwins junge Verlobte, die attraktive und ziemlich zickige Rosa Bud, genannt "Rosebud", die Rosenknospe. Edwin und Rosa sind Waisen, stehen unter der Vormundschaft eines Notars, die beiden lieben sich nicht, aber ihre verstorbenen Väter hatten sich eine Hochzeit der beiden gewünscht.
Dafür liebt John Jasper, der janusköpfige und opiumsüchtiger Kantor von Cloisterham, die schöne Rosa abgöttisch, und auch der aus Ceylon stammende, dunkelhäutige und deshalb von vielen scheel angesehene Neville Landless liebt Rosa: eine spannungsgeladene Konstellation, die an einem Weihnachtsabend ihren mysteriösen Höhepunkt findet. Nach einem heftigen Streit und einem Versöhnungsessen im Hause von Jasper brechen Edwin und Neville in stürmischer Nacht zu einem Spaziergang am Fluss auf. Am nächsten Morgen ist Edwin verschwunden und ward nie wieder gesehen. Es gibt keine Leiche, und so weiß man nicht, ob Edwin sich einfach ohne Abschiedworte aufgemacht hat in den Orient – oder ob er ermordet wurde. John Jasper jedenfalls ist überzeugt, dass Neville Landless ein Mörder ist und setzt alles daran, ihn der Polizei als Täter schmackhaft zu machen.
Open End
Es gibt unzählige Vorschläge zu Lösung des Falles. Nur wenige Drood-Forscher glauben, dass der hitzköpfige, aber völlig harmlose Neville ein Mörder ist. Die meisten favorisieren eine Täterschaft des drogensüchtigen und charakterlich widerwärtigen John Jasper, der seinen größten Nebenbuhler beseitigen wollte, nicht wissend, dass just am selben Tag Edwin und Rosa ihre Verlobung gelöst, aber diese Tatsache noch nicht öffentlich gemacht hatten. Manche sagen, der unberechenbare Edwin sei zu einem Orient-Abenteuer aufgebrochen und werde irgendwann wieder munter auf der Bildfläche erscheinen. Und da immer wieder auch von Edwins Vater und davon die Rede ist, dass er im Orient an mysteriösen Ausgrabungen und dunklen Geheimnissen beteiligt war, gibt es auch Stimmen, die meinen, Edwin sei Opfer eines in seiner Ehre gekränkten islamischen Rächers geworden.
... und ein Ende wie von Dickens
Ulrike Leonhardt hat den Roman zu Ende geschrieben. Sie ist eine ausgewiesene Dickens-Kennerin, greift die vielen lockeren Erzählfäden souverän auf und verstrickt sie zu einem überzeugenden Ganzen, sie kann auch täuschend echt den leicht ironischen Tonfall und den detailverliebten Stil von Dickens nachmachen. Besonders reizvoll: sie denkt nicht nur über das "Whodunit" nach und versucht, das Mord-Geheimnis zu lösen, sie spürt auch, dass Edwin Drood selbst ein Geheimnis hat, dass seine Herkunft ein paar Fragen und Rätsel aufwirft. Und so verknüpft sie die geheimnisvolle Biografie mit dem geheimnisvollen Verschwinden Edwin Droods zu einem schauerlich-schönen Roman, bei dem es sogar noch ein doppeltes Happyend gibt und sich Paare finden, von deren Liebe Dickens noch nichts wusste – deren Glück er aber bestimmt nicht hätte im Wege stehen wollen.
Frank Dietschreit, kulturradio