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David Bezmozgis, der 1980 als Siebenjähriger mit seinen Eltern aus Lettland nach Kanada auswanderte, erzählt in seinem ersten Roman Die freie Welt die Emigrationsgeschichte der achtköpfigen jüdisch-lettischen Familie Krasnansky aus Riga, die 1978 aus der Sowjetunion ausreist, ohne genaues Ziel im Westen. Der Autor legt nicht wie allgemein üblich den Fokus auf das Herkunftsland und auf das Zielland. Er thematisiert auch nicht wie zumeist die Assimilationsmühen von Migranten und deren Existenzkämpfe im neuen Zufluchtsland. Er nimmt vielmehr den Transit als solchen in den Blick, das prekäre Dazwischen auf der Schwelle, die das Woher vom Wohin trennt.
Bezmozgis konzentriert sich auf die fünf Monate, die die Krasnanskys im Transit in und bei Rom verbringen, während sie auf die Visa eines Landes warten, das sie vielleicht aufnehmen will. Die USA fallen weg, nachdem eine Cousine in Chicago nicht wie versprochen für die Familie bürgen will. Kanada, die zweite Wahl, macht Schwierigkeiten wegen Großvaters Gesundheitszustand. Und Israel ist zwar immer eine Option, aber eine ungeliebte und wenig attraktive. Als geeichte Sowjetbürger sind die Krasnanskys, obzwar Juden, zudem antizionistisch konditioniert.
Für die drei Generationen von Krasnanskys (Großeltern und zwei Söhne mit ihren Frauen sowie zwei Kinder) ist der Aufenthalt in und bei Rom ein Provisorium und ein Purgatorium zugleich. Es ist eine vorläufige Existenz von ungewisser Dauer, aber auch ein Fegefeuer, in dem der Charakter und die Überzeugungen und Absichten jedes einzelnen getestet werden. Da die alte Heimat aufgegeben wurde und eine neue sich noch nicht sicher abzeichnet, stellen die Migranten selbst füreinander die einzige Heimat dar. Ihre Zuverlässigkeit und die Tragfähigkeit ihrer Bindungen untereinander werden hart geprüft.
Mit fatalen Konsequenzen
Die Krasnanskys, noch verstört von den erniedrigenden Prozeduren, denen sie von den sowjetischen Zöllnern bei der Ausreise aus der Sowjetunion unterzogen wurden, und wie betäubt vom Warenglanz der westlichen Konsumwelt bis hin zur überwältigenden sexuellen Freiheit, die ihnen in den ersten Porno-Filmen ihres Lebens vor Augen tritt, finden sich in Ostia und in Rom unter lauter ebenfalls staatenlosen Juden, die ihre Tage gleichfalls mit Schlange-Stehen vor Konsulaten, Formular-Ausfüllen, Englisch-Lernen und Warten verbringen, wenn sie nicht gerade auf den Flohmärkten ihren mitgebrachten Krempel loszuschlagen versuchen. Sie knüpfen neue Bekanntschaften, treffen alte Bekannte aus Riga wieder, schlittern in dubiose Beziehungen hinein, teils mit fatalen Konsequenzen.
Die Stagnation, in der die Krasnanskys von Juli bis November 1978 verharren müssen, lässt auch den Roman auf der Stelle treten. Die freie Welt ist keine dynamische Erzählung, vielmehr eine episodische Chronik aus einem Zwischenreich. Von einem Plot, der die Handlung vorwärtstriebe, kann ebenfalls kaum die Rede sein. Der Roman endet mit dem Aufbruch der Familie ins Exilland Kanada, enthält uns die Ankunft dort aber bereits vor.
David Bezmozgis hat ein feines Gespür für die Absurditäten und die Komik dieser Situation im Warteraum Italien und ein Talent für hintersinnige, selbstironisch aufgeladene Dialoge. Sein Humor ist zurückhaltender als etwa das schrille Gelächter Gary Shteyngarts, eines anderen russisch-jüdischen Migranten und Sprachwechslers. Und er entwickelt aus dieser Warterei die Muße zu allerlei Rückblicken auf das frühere Leben der Familie in Riga. Wobei er sich bei seinem Familien-Porträt auf drei Blickwinkel beschränkt – auf den Großvater Samuel, auf den jüngeren Sohn Alec und auf dessen erst jüngst angetraute Ehefrau Polina. Dabei entpuppt sich die Familie Krasnansky als ein Mikrokosmos der Sowjetunion.
Kapitalismus als neuer Leitstern
Großvater Samuel ist sowjetisches Urgestein, ein dogmatischer Altkommunist, unerschütterlich in seiner Überzeugung trotz all den ideologischen Schrecken und Verfolgungen, die er zu Hitlers und Stalins Zeiten als ukrainischer Jude in Lettland erdulden musste. Dass er seinerzeit seinen eigenen Cousin an den sowjetischen Geheimdienst NKWD ausgeliefert hat, bereitet ihm immer noch kein schlechtes Gewissen. Und im Grunde kann er sogar verstehen und ist damit einverstanden, dass er selbst von Genossen als Verräter denunziert und aus der Partei ausgeschlossen wurde.
Solche ideologischen Krämpfe sind Samuels Söhnen Karl und Alec völlig fremd. Beide sind Produkte des Tauwetters zur Chruschtschow-Zeit – ohne Bindungen, ohne Überzeugungen, ohne Loyalitätsgefühle für die Sowjetunion, geschweige denn für die Partei. Auch ihre Familiengefühle bleiben völlig unverbindlich. Während der ältere Sohn Karl in Rom sofort den Kapitalismus als seinen neuen Leitstern annimmt und sich ohne die geringsten Skrupel auf Schwarzhandel, Ikonenschmuggel und andere kriminelle Geschäfte einlässt, lässt sich sein jüngerer Bruder Alec durch die Tage treiben, ohne Ehrgeiz, ohne Ziel und ohne tiefere Interessen – außer für hübsche junge Frauen, für die er stets ein waches Auge hat.
Alec ist ein Hallodri und charmanter Windhund, der das Leben als Zeitvertreib betrachtet, dem er anders als unernst gar nicht begegnen kann. Erst im Transit lernt seine Ehefrau Polina Alecs ganze Oberflächlichkeit, Unzuverlässigkeit und Verantwortungslosigkeit kennen. Ihre Beziehung gerät in eine so tiefe Krise, dass Polina ernstlich überlegt, entweder nach Israel oder zurück nach Riga zu gehen. Schließlich folgt sie Alec doch nach Kanada – letztlich nur weil es ein Visum gibt. Doch ist Polina fest entschlossen, sich in Toronto sofort von ihm zu trennen.
Freier Mensch in der freien Welt
Die interessanteste Nebenfigur des Romans ist der Sowjet-Flüchtling Ljowa aus Moldawien, ein traumtänzerischer Lebenskünstler mit melancholischen Anflügen und ein wahres Chamäleon des Identitätswandels. "In Kischinjow war ich Ljowa. In Israel war ich Arieh. Hier in Rom bin ich Luigi", sagt er. "Es ist eine Scheißwelt. Darf der Mensch sich da nicht mal amüsieren?" Im Gegensatz zu Alec ist Ljowa zwar leichtsinnig, aber nicht leichtfertig. Er treibt sich schon länger als ein Jahr in Italien herum, jobbt als Reiseführer und weiß nicht recht, wohin. Zumal er als israelischer Staatsbürger keinen Flüchtlingsstatus mehr beanspruchen kann. Vielleicht ist Ljowa der modernste Charakter des Romans, der Mensch, der sich im dauernden Transit eingerichtet hat: "Ich hab mich noch nicht von dem Gedanken verabschiedet, dass ich ein freier Mensch in der freien Welt bin."
Sigrid Löffler, kulturradio