H.G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau; Montage: rbb

Mo 20.02.2012

Buch

H.G. Wells: "Die Insel des Dr. Moreau"

Bewertung: großartig

Gern spielt die Literatur mit unserer geheimen Sehnsucht nach Untergang und Katastrophe, Unglück und Verbrechen. Die "Schauerliteratur" bedient diese seltsame Leselust seit langem erfolgreich. Bei dtv sind jetzt in einer Sonderedition sechs Klassiker des Genres neu aufgelegt und, trotz hochwertiger Ausstattung, zu einem günstigen Preis erschienen. Mit dabei auch der erstmals 1896 erschienene Roman "Die Insel des Dr. Moreau": Autor ist H. G. (Herbert George) Wells, der mit Krieg der Welten und Die Zeitmaschine vor allem als Großmeister der Science-Fiction-Literatur weltberühmt wurde.
 
Die Insel des Dr. Moreau, geschrieben vor über 120 Jahren, hat eine so zeitlos-aktuelle Brisanz und Dringlichkeit, dass es einen fast sprachlos macht. Denn H. G. Wells reist mit seinem Helden Edward Prendick nicht mit einer Maschine in die ferne Zukunft, sondern er bleibt in seiner Gegenwart und zeigt uns, wohin der Wahnsinn des Machbaren und die Logik des Fortschritts führen kann, wenn man keine ethischen und moralischen Grundsätze mehr hat. Es geht um die biologische, pädagogische, genetische Fragen: Was ist dem Menschen angeboren und was ist durch Erziehung erworben? Wie weit dürfen wir gehen bei dem Versuch, den Menschen immer gesünder und perfekter zu machen? Welches Recht hat der Mensch in den göttlichen Plan einzugreifen und sich zum Herrn aller Kreaturen aufzuschwingen? Dass diese großen Fragen nicht trocken abgehandelt, sondern unter der Oberfläche einer spannenden Handlung wuchern, macht die besondere Qualität des Roman aus.
 
Die Insel des Dr. Moreau liegt irgendwo in den unendlichen Weiten der Südsee, sie hat keinen Namen und liegt fern ab jeder Zivilisation, wird nur angelaufen, wenn der Herr der Insel ein, zweimal im Jahr Verpflegung und Nachschub braucht. Nachschub heißt vor allem: neue Tiere, Schweine und Hunde, Zebras und Pumas, Tiere jeder Rasse, denn mit ihnen experimentiert der Arzt, der einst wegen seiner umstrittenen Methoden und Ansichten angeklagt und aus London fliehen musste. Dr. Moreau und sein Assistent Montgomery, ein ehemaliger Medizinstudent, nehmen in einem Labor Vivisektionen vor, schneiden und operieren ohne Betäubung an wehrlosen Tieren so lange herum, bis aus ihnen menschenähnliche Wesen entstehen: Tiermenschen, die denken und sprechen können und auf der Insel nach einem von Dr. Moreau aufgestellten Kodex leben müssen. Das wichtigste Gesetz besagt, dass sie nicht töten und kein Blut trinken dürfen. Aber genau das geschieht natürlich: denn in den Tiermenschen lebt trotz aller chirurgischer Veränderung und aller Gehirnwäsche das Archaische weiter: die Lust zu jagen, zu töten und Blut zu trinken, auch das ihres Schöpfers und Folterers. Und so erweisen sich die Experimente als zum Scheitern verurteilter menschlicher Größenwahn eines Wissenschaftlers, der sich für Gott hält und glaubt, er habe das Recht, Kreaturen nach seinem Wunsch und Willen zu erschaffen.
 
Unfreiwilliger Zeuge und Erzähler dieser Geschichte ist Edward Prendick: Nach einem Schiffsunglück in der Südsee findet er sich mit zwei Matrosen in einem Rettungsboot wieder, ohne Nahrung und Wasser, und als nach einem Streit die beiden Gefährten über Bord gehen, treibt er allein über das Meer, wird irgendwann von einem Dampfer aufgenommen und lernt an Bord des Schiffes Montgomery, den Gehilfen von Dr. Moreau, kennen. Mit Montgomery und dem frischen Nachschub an Tieren gelangt Prendick auf die Insel des Dr. Moreau. Auf die aus dem Labor kommenden Schreie kann er sich zunächst genauso wenig einen Reim machen wie auf die seltsamen Tiermenschen, die ihm bei seinen Wanderungen im Dschungel begegnen. Erst spät begreift er die ganze abscheuliche Tragweite der Experimente und der Herrschaft des Dr. Moreau. Doch um nicht selbst Opfer blutrünstiger Tiermenschen zu werden, passt er sich an und kollaboriert mit Moreau, solange, bis es zum finalen Aufstand der Tiermenschen, zu Tod und Zerstörung kommt und es Prendick mit Glück und Zufall gelingt, von der Insel zu fliehen und in die Zivilisation zurückzukehren.
 
Was nicht sein darf, kann nicht sein! Also schenkt man dem Bericht von Prendick keinen Glauben, hält ihn verrückt und seine angeblichen Erlebnisse für Hirngespinste eines Schiffbrüchigen, der nicht erklären kann, wie er Monate auf offenem Meer überlebt haben will und der mit dieser seltsamen Geschichte womöglich seinen eigenen Kannibalismus an seinen Gefährten im Rettungsboot kaschieren will. Nach seinem Tod findet sein Neffe die Aufzeichnungen und veröffentlicht sie, und so haben wir es hier nicht nur mit einer kunstvoll eingefädelten Herausgeber-Fiktion zu tun, sondern auch mit einem Roman, der bis heute nichts an Spannung und Aktualität verloren hat – und vielleicht zur Pflichtlektüre werden sollte in allen Debatten über die Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaft.
Frank Dietschreit, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2012/h_g__wells__die_insel.html

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