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Clowns sind nicht unbedingt sympathische Figuren. Die Angst vor Clowns, die Coulrophobie, ist sogar ein Krankheitsbild. Und wenn man über das Alter des Klassenclowns hinausgewachsen ist, möchte wohl kaum einer als Clown gesehen werden. Walter Tomm, dem Protagonisten in Lars Brandts neuem Roman Alles Zirkus, passiert aber genau das: Mehr und mehr kommt er sich vor wie ein lachhafter Hanswurst. Der Werbefachmann macht sich Gedanken um die Wirtschaftskrise, seine Frau Trixi dagegen, eine Filmemacherin, kann mit seinen Sorgen wenig anfangen und sagt "Das ist doch alles Zirkus!".
Clown-Werdung
Immer mehr groteske, zirkushafte Momente schleichen sich in das Leben von Walter ein. Den Druck des Alltags verarbeitet er in intensiven Träumen, in denen er sich in einen Clown verwandelt. Absurderweise wird er auch noch mit Werbe-Emails bombardiert, die ihm Zirkusaccessoires anbieten. Auch optisch läßt Lars Brandt seine Figur langsam zum Clown werden: Rote Haare hat er ohnehin, wie zufällig kramt er irgendwann eine karierte Hose hervor. Den Höhepunkt der Hanswurstigkeit hat Walter erreicht, als er in einer Szene gegen Ende des Romans vor dem Spiegel steht: auf dem Kopf eine fleischfarbene Duschhaube, links und rechts quillen die roten Haare hervor, im Gesicht weißer Rasierschaum. Und dann schneidet er sich auch noch aus Versehen in die Nase, die sich daraufhin rot färbt.
Doppelter Krisenroman
Lars Brandt, der mittlere von drei Söhnen von Willy und Rut Brandt, arbeitet als freier Künstler, Filmemacher und Maler. 2006 machte er mit seinem Vater-Erinnerungsbuch Andenken als Schriftsteller auf sich aufmerksam, 2007 folgte mit Gold und Silber das erste belletristische Werk. Mit Alles Zirkus hat Brandt nun einen Krisenroman geschrieben - zum einen über die Wirtschaftskrise, zum anderen über eine Beziehungskrise. Trixi und Walter, ein in die Jahre gekommenes Paar, finden nicht mehr zueinander, erst stören Banalitäten ihr Vertrauen, später geraten sie in einen Strudel aus Missverständnissen und Sprachlosigkeit.
Mit Worten malen
Bemerkenswert an diesem kurzen Roman ist, wie visuell er geworden ist. Lars Brandt verarbeitet seinen künstlerischen Blick auf die Welt eben auch in seiner Literatur. In Alles Zirkus werden nicht nur ausführlich Werke des Malers Richard Lindner beschrieben, über den Trixi einen Dokumentarfilm drehen möchte, auch darüber hinaus "malt" der Autor viele Bilder – nur mit einem anderen Handwerkszeug als sonst: mit Worten. Sprachlich ist das wunderbar, inhaltlich streckenweise etwas zu verstiegen und statisch, ein wenig mehr Handlung hätte dem Buch nicht geschadet. Dennoch – dieses Buch eines schreibenden Malers oder malenden Schriftstellers ist ein wunderbarer kleiner Roman über öffentliche und private Krisen.
Anne-Dore Krohn, kulturradio