Louis Paul Boon: Menuett; Montage: rbb

Do 19.01.2012

Buch

Louis Paul Boon: "Menuett"

Bewertung: großartig

Ein Roman in drei Teilen. Der Autor erzählt die Geschichte aus der Perspektive des agierenden Trios. Ein Tanz des Begehrens und Missverstehens, der Fremdheit und Einsamkeit wird aufgeführt. Der Mann arbeitet in einem Eiskeller und sammelt Zeitungsausschnitte, die von nichts anderem als den Schrecken der Welt und der Brutalität der Menschen handeln; das junge Mädchen kommt nachmittags als Dienstmädchen ins Haus und fragt sich, warum und wie die Leute leben und sich langweilen. Diese Halbwüchsige ist eine scharfe Beobachterin und entschiedene Provokateurin; die Ehefrau ist ein heiteres Gemüt, das weder den grüblerischen Mann noch das ewig fragende Mädchen versteht. Jeder der Drei ist allein, fremd in seiner Umgebung. Der Mann begehrt das Mädchen, das mit ihm spielt und seine Macht erprobt. Die Frau kann sich gegen die Verführung eines Vierten nicht wehren und wird vom Mädchen überführt.

Skandal beim Erscheinen
Louis Paul Boon gilt als einer der wichtigen und meist gelesenen flämischen Autoren des 20. Jahrhunderts, ist bei uns jedoch nahezu unbekannt. Sein Werk umfasst 24 Bände und der schmale Roman, den jetzt der Berliner Alexander Verlag neu herausgebracht hat, nimmt darin eine herausragende Stellung ein. Erschienen ist das Buch 1955, im gleichen Jahr, in dem auch Nabokovs Lolita heraus kam. Auch bei Boon gibt es ein pädophiles Grundmotiv, das beim Erscheinen für Skandal sorgte: die Sehnsucht des sexuell verklemmten Mannes nach der vermeintlich reinen Kindfrau, die Karikatur der erwachsenen Frau, die nichts anderes möchte, als ein beschauliches Leben, das von Erfolg und Vorwärtskommen geprägt ist.

Der Autor leiht den drei Personen eine Stimme und kommentiert das Geschehen durch Zeitungsmeldungen, die wie ein Nachrichtenband mitlaufen. Die Welt bietet dem ehemaligen Sozialisten Boon keinen Grund für Hoffnung auf ein Glück, die Menschen sind verderbt und grausam. Dass wird das junge Mädchen noch herausfinden, die Ehefrau wird davor die Augen verschließen und der Mann wird ein apathischer Außenseiter bleiben. Dass und wie Boon davon erzählt, das ist spannend und eine literarische Entdeckung, die zu würdigen auch das kundige Nachwort hilft.
Manuela Reichart, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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