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Olga Grjasnowa ist eine ungewöhnliche Debütantin. Sie ist Aserbaidschanerin, Russin, Jüdin, Deutsche. Geboren 1984 in Baku, wuchs sie im Kaukasus auf und kam als Elfjährige völlig ohne Deutsch-Kenntnisse als jüdischer Kontingent-Flüchtling mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie ist multilingual und hat nach mehreren Auslandsaufenthalten in Polen, Russland und Israel das Leipziger Literaturinstitut absolviert. Der Russe ist einer, der Birken liebt ist ihr erster Roman.
Ihre Romanheldin Mascha Kogan hat so manche biografische Eckdaten mit der Autorin Olga Grjasnowa gemeinsam: das Alter, die Herkunft aus Aserbaidschan, den jüdischen Familienhintergrund, die schwierige Ankunft in Deutschland, die Vielsprachigkeit, das Pendeln zwischen den Sprachen und Kulturen. Die Ich-Erzählerin Mascha im Roman ist eine hochbegabte Studentin der Dolmetscher-Wissenschaften in Frankfurt, die fünf Sprachen fließend beherrscht und ein paar andere immer noch so, "wie die Ballermann-Touristen Deutsch"; ihr ehrgeiziges Berufsziel ist es, Dolmetscherin bei den Vereinten Nationen zu werden – weshalb sie neben den UN-Sprachen Russisch, Französisch, Englisch, Deutsch und Spanisch auch noch Arabistik studiert. Mit Mitte zwanzig kann Mascha bereits auf ein Doppelstudium und auf eine lange Arbeitsbiografie zurückblicken, mit Begabten-Stipendien, Auslandssemestern und internationalen Praktika in Moskau, Brüssel und Warschau.
Suchbewegungen bei Liebespartnern
So ungewöhnlich brillant und zielstrebig sich Studium und Berufsaussichten dieser Mascha ausnehmen, so ruhe- und ziellos wirkt sie in ihrem Privatleben. Ihre Suchbewegungen bei Liebespartnern schwanken zwischen Männern und Frauen, ihre Partner wechseln häufig, ihr Grundgefühl von Heimatlosigkeit und Entwurzelung überträgt sich auf ihr irrlichterndes Verhalten in ihren Beziehungen zu Freunden und Geliebten. Mascha erscheint bindungsgestört.
Maschas Männer sind zumeist vielsprachige Migranten und Transit-Menschen wie sie. Beispielsweise Sami, der in Beirut geborene Araber mit Schweizer Vater und Studien-Aufenthalten in Paris, Kalifornien und Frankfurt, der an einer Dissertation über den Deutschen Idealismus arbeitet. Oder Cem, der türkisch-deutsche, vielsprachige Dolmetscher-Kollege. Die einzige etwas dauerhaftere Beziehung knüpft Mascha zu dem vergleichsweise einfach strukturierten Fotografie-Studenten Elias, der aus einer DDR-Familie stammt und hinter den norddeutschen Deichen aufgewachsen ist. Doch die Liebe zu Elias endet schrecklich: Nach 100 Romanseiten stirbt Elias an einer schwärenden Wunde, die sich aus einem simplen Beinbruch entwickelt und ihn qualvoll zugrunde gehen lässt. Dieser Tod wirft die ohnehin neurotische Mascha völlig aus der Bahn: Sie gibt sich die Schuld an diesem Tod, weil sie Elias nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht hat.
Mascha gleitet ab
Die restlichen zwei Drittel des Romans erzählen davon, wie Mascha um Elias trauert und wie sie ihr Leben nach Elias' Tod weiterlebt – in einer zunehmend depressiven, desorganisierten Gemütsverfassung. Mascha verliert sich in Phasen völliger Appetitlosigkeit und passiven Grübelns. Sie trauert sich ins Untergewicht hinein. Aller Ehrgeiz und alle berufliche Zielstrebigkeit kommen ihr abhanden. Schließlich gibt sie sich einen Ruck und lässt sich von ihrem Professor als Übersetzerin nach Israel vermitteln – dass sie als beste Studentin ihres Jahrgangs für diese unbedeutende Vermittlung dem Professor erotisch gefügig sein muss, ist eine der unglaubwürdigeren Wendungen des Romans.
In Israel gleitet Mascha immer mehr in Trübsinn, Apathie und Untätigkeit ab. Sie beginnt eine Affäre mit einer ziemlich destruktiven Israelin und versinkt zunehmend in Albträume, in denen sie den toten Elias als gespenstische Präsenz halluziniert. Ihre Gedanken kreisen vor allem um ein traumatisches Kindheitserlebnis in Baku. In den Pogromen und Massakern zwischen Aserbaidschanern und Armeniern im Krieg um Bergkarabach hat sie als Kind Schreckliches mitansehen müssen – eine Frau, die in Baku aus einem Fenster stürzte (gestürzt wurde?), ist direkt vor den Augen der Kleinen blutig aufgeprallt. Dieses traumatisierende Bild verfolgt Mascha und kehrt zwanghaft wieder. Für Maschas Versuche, sich von allen ihr widerfahrenen Schrecknissen zu reinigen, findet Olga Grjasnowa das immergleiche Bild: Ihre Heldin steht unentwegt unter der Dusche, um sich den Lebens- und Erinnerungsschmutz abzuwaschen.
Rückfall auf vor-emanzipatorische Stereotypen
Dieser Debütroman besticht einerseits durch sein Thema: Wie schon Terézia Mora in ihrem Erstlingsroman Alle Tage wählt auch Olga Grjasnowa eine hochbegabte Übersetzer-Gestalt als Leitfigur der migrantischen Lebensweise der heutigen globalisierten Welt der Übersetzungen. Wie Abel Nema, der neurotisch gestörte Sprachkünstler in Alle Tage, ist auch Mascha Kogan eine aus der Bahn geworfene, nicht sesshafte, bindungs- und ruhelose Nomadenfigur, die allein in ihrer Vielsprachigkeit eine Art Halt in der Welt findet.
Andererseits ist Grjasnowas Frauenbild eine kritische Analyse wert. Ihre Mascha ist von vornherein postfeministisch angelegt: Ganz selbstverständlich nimmt sie alle Freiheiten, die ihre Überbegabung und ihre Weltläufigkeit ihr eröffnen, für sich in Anspruch; sie bewegt sich cool und selbstbewusst durch diverse Milieus und Lebenswelten und wählt sich ihre Sex-Partner aus eigener Initiative aus. Umso auffälliger, dass Grjasnowa die trauernde Mascha in ein längst überwunden geglaubtes Rollenmuster zurückfallen lässt – das der verfolgten Unschuld, der Jungfrau in Nöten ("Damsel in Distress"), die nur von einem Ritter aus ihrer misslichen Lage errettet werden kann. Dieser Topos der hilflosen Frau in tausend Ängsten, die sich selbst nicht retten kann, reicht von der Antike über de Sades sado-masochistische Phantasien (Justine) bis zum viktorianischen Melodram und ist eine stereotypische Gestalt im Stummfilm, im Comic und in der Bondage-Pornografie.
Die Gender-Theorie hat diesen Topos längst durchanalysiert (und verworfen). Umso merkwürdiger, dass Olga Grjasnowa ihre anfangs emanzipierte Heldin ganz unreflektiert in diese hilflose Rolle zurückdrängt. Ihre Mascha ist außerstande, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie gibt jeden Anspruch auf Selbstbestimmung auf und überlässt es ihren ritterlichen Freunden Sami und Cem, über ihr Leben zu bestimmen und sie aus Notlagen zu befreien. Über ihren Kopf hinweg melden die beiden kurzerhand Mascha zur UN-Dolmetscherprüfung an. Im Schlussbild des Romans steht Mascha völlig verloren und allein auf einem Feld am Rande eines Palästinenserlagers bei Ramallah, hat Nasenbluten und weiß nicht wohin. Per Handy ruft sie ihren Ritter Sami aus Europa herbei: Er soll sofort herkommen und sie retten.
So verendet ein ehrgeiziges postfeministisches Roman-Unternehmen im Rückfall auf ausgelaugte, vor-emanzipatorische Stereotypen, offensichtlich ohne dass dies der Autorin bewusst wäre.
Sigrid Löffler, kulturradio