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2012 ist auf dem internationalen Parkett nicht nur das deutsch-chinesische Jahr, sondern auch das Deutschland-Jahr in Indien. In der europäischen wie in der weltweiten Politik ist immer mehr von den neuen, kommenden Mächten, den so genannten Gestaltungsmächten die Rede: von China, von Brasilien und eben auch von Indien. Deshalb ist es mehr als angemessen, den Blick auf die Wirklichkeit in diesen Ländern zu richten. Dazu dient dieses Buch über Indien. Hier erfährt man konkrete Details über die Lebensumstände der großen indischen Bevölkerungsschichten, über die sozialen, die religiösen Grundausrichtungen – und Probleme. Und man erlebt auch, wie bestimmte Indien-Klischees einfach entzaubert werden. Das Bild eines Indiens mit Yoga und Meditation steht Seite an Seite mit dem eines völlig verschmutzten, müllhaldenartigen Indiens, eben weil Müll-Bewusstsein und -beseitigung in der indischen Gesellschaft kein Thema sind.
Wissenswertes, Wahrheiten und Gruseliges
In den vier essayistischen Reportagen des Buches berichtet der Autor unter anderem über seine Studienzeit im nordindischen Benares, jetzt Varanasi. Wir erfahren nicht nur Wissenswertes über die für uns exotischen hinduistischen Bestattungsrituale auf Scheiterhaufen am Ganges, sondern auch etwas über den Zustand und die Entwicklung des nordindischen Universitätswesens. In einem weiteren Text geht es anhand der historischen Figuren Gandhi und Nehru um Wahrheiten bei Wahlen in Indien, der vorgeblich größten Demokratie der Welt.
Der Autor diskutiert den Zustand der großen Mehrheitsreligion Indiens, des Hinduismus, und bezieht auch Stellung zu hinduistisch-nationalistischen Entwicklungen wie auch zu den oft erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen in Indien. Zum Schluss erfahren wir in einem beeindruckenden Essay Gruseliges über den korrupten Zustand der Filmindustrie Mumbais / Bombays, also Bollywoods.
Geschrieben sind diese Texte meist autobiografisch. Sehr subjektiv wird zum Beispiel die Annäherung an die indische Gegenwart über die Lektüre der europäischen Literatur geschildert. So ersteht der Autor Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ und beginnt, Parallelen zu ziehen. Ein Freund des Erzählers bekommt Flauberts Roman „Die Erziehung des Herzens“ in die Hände und entdeckt jetzige indische Wirklichkeit in dessen sozialen Schilderungen Europas. Das Frankreich des 19. Jahrhunderts in der Zeit des Frühkapitalismus, sagt der Erzähler, ist auch das, was den Zustand Indiens heute in vielen Bezügen abbildet.
Zerreißprobe für die indische Gesellschaft
Mit dem Titel will Pankaj Mishra provozieren. Das moderne Indien gibt es nur für wenige Superreiche. 80 Prozent der Bevölkerung sind kreischend arm. Hunger und Analphabetismus prägen die indische Gesellschaft. Die Kapitel dieses Buchs zeigen die Zerreißprobe, unter der Indien ächzt. Pankaj Mishra lebt in London und am Rand des Himalayas. Er schreibt seit über zehn Jahren regelmäßig für die »New York Review of books“ und stammt – interessanter Querverweis - selbst aus einer verarmten Brahmanen-Familie.
Nicht zuletzt durch die literarisch anspruchsvolle Übersetzung von Matthias Wolf ein äußerst kundiges und kluges Indien-Buch.
Salli Sallmann, kulturradio