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Es sind Fotografien aus dem Atelier und Familienleben von Picasso und wir erleben, wie wenig das getrennt ist. Picasso war ja sehr wohl einer, der sich in der Öffentlichkeit selbst zu inszenieren wusste. Hier nun ist er privat zu sehen. Ermöglicht hat er diese Einblicke dem amerikanischen Fotografen David Douglas Duncan. Er durfte tage- und wochenlang an der Seite von Picasso und seiner Familie sein, immer mal wieder, aber über viele Jahrzehnte hinweg und bis in die letzten Jahre von Picassos Leben. In diesem Buch also sind 115 Fotografien aus den Jahren 1957 bis 1973.
Auf dem Titel des Buches sieht man Picasso von hinten: ein älterer Mann, nackter Oberkörper, Hut auf, steht mit verschränkten Armen, sinnierend vor seinem Tisch, der bedeckt ist mit Pinseln, Papieren, Kartons, vielen Materialien und einer Skulptur. Also ganz klassisch. Der Maler bei seiner Arbeit, mindestens beim Nachdenken darüber. Dann aber: Gleich eines der ersten Bilder im Band selbst zeigt uns Picasso wie er in der Badewanne sitzt und sich laut lachend mit dem Badeschwamm den Hals schrubbt. Und genau in dieser Spannung, wie auch in der Selbstverständlichkeit des Gleichklangs von Picasso bei der Arbeit und Picasso privat und intim bewegen sich diese Bilder und das macht ihren Reiz aus.
Man merkt schnell: Diese beiden Männer mochten sich, sie hatten irgendwie einen Draht zueinander, eine Beziehung, in der Eitelkeit und Dünkel keinen Platz hatte. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt, schön ist sie allemal und im Buch nachzulesen: Duncan kommt erstmals 1956 nach Cannes, wo Picasso damals lebte und geht unangemeldet zu seinem Haus. Picassos Frau Jacqueline öffnet, lässt ihn hinein und führt ihn gleich durch bis zum Badezimmer, in dem Picasso gerade in der Wanne sitzt. Sie begrüßen sich und die ersten Fotos werden gemacht, eben in der Badewanne! Und auf dieser Basis bieten die Fotografien dann also einzigartige Einblicke in das intime Universum des Künstlers und Menschen Picasso. Duncan fängt einzelne Momente ein und macht damit die gesamte Atmosphäre im Haus von Picasso deutlich, auch seine Spontaneität. Hier spürt man, dass Arbeit und Leben bei ihm stets ineinander übergehen.
Die Fotos in der häuslichen Umgebung zeigen in nahezu allen abgebildeten Räumen einen wilden Mix von Bildern, Skulpturen, Zeitungsstapeln, Kartons, einigen Möbeln, Staffeleien, voll bedeckte Tische und Fußböden, dazwischen spielende Kinder, Haustiere. Eine offenbar höchst kreative Mixtur. Dann wieder Picasso in allen Lebenslagen, auch als kindlich verspielter Typ. Der macht Späße mit den Kindern, setzt Masken auf, verkleidet sich, tanzt, posiert auf allerlei Weise.
Die Fotos bieten aber auch einen Aufschluss über die "Methode" Picasso, also den tätigen Künstler, den Arbeiter Picasso. Alle Bilder zeigen den stets kreativen Gestus im eigentlichen Schaffensvorgang, aber auch davor und danach. Zu verfolgen sind sehr wohl einzelne Arbeitsschritte, der Fortgang an einem Bild, wie etwas auf der Leinwand beginnt mit wenigen Strichen und was dann wird, was wir "einen Picasso" nennen. Auch wie im Hause Picasso dann mit dem fertigen Werk umgegangen wird: z. B. ist das großformatige Bild Die Badenden zu sehen, wie Picasso noch die schwarzen Kanten setzt, es dann für fertig erklärt und daraufhin mit seiner Frau fröhlich davor tanzt, dahinter die seilhüpfenden Kinder. Ein schönes Beispiel auch: Man sitzt am Tisch und isst einen Fisch – das ist schon der erste Teil des Schaffensaktes. Picasso nagt das Fischgerippe vollständig ab, steht vom Tisch auf und legt es auf dem Nachbartisch in Ton ein. Dann kommen zwei Bogen Papier darüber, das Ganze wird angedrückt, das Fischgerippe wieder raus genommen und später wird der Ton gebrannt. Das Ergebnis ist ebenfalls abgebildet.
Der Fotograf David Douglas Duncan lebt noch über 95-jährig, geboren also 1916. Er war in den 50er Jahren ein bekannter Kriegsfotograf (in Korea, später dann auch wichtige Bilder aus Vietnam). Er hatte keine ausgeprägte Beziehung zur Kunst. Diese bestimmte Form von Normalität war es vermutlich auch, die dieses besondere Verhältnis zu Picasso ermöglichte. Im Buch wird es als schöpferischer Pas de deux bezeichnet, den die beiden Herren über die Jahre vollführen und an dem durch die Fotos teilzuhaben ganz viel Spaß macht!
Danuta Görnandt, kulturradio