Aktueller Musiktitel:
Georg Friedrich Händel
Feuerwerksmusik D-Dur, HWV 351

Volker Bernius / Michael Rüsenberg (Hrsg.): Sinfonie des Lebens; Montage: rbb

Mi 01.02.2012

Buch

Volker Bernius / Michael Rüsenberg (Hrsg.): "Sinfonie des Lebens"

Bewertung: großartig

Das Funk-Kolleg zum Verständnis der modernen Gesellschaft wurde 1966 als neuartiges Bildungsangebot vom Hessischen Rundfunk (HR) ins Leben gerufen, war dann einige Jahrzehnte eine Gemeinschaftsveranstaltung der ARD und wird seit 1998 nur noch vom HR angeboten. Von Oktober 2011 bis Mai 2012 wird das Funkkolleg Musik in 26 Folgen ausgestrahlt. Zentrale Aspekte bzw. Fragestellungen sind u. a.: "Was ist Musik?", "Musik erleben", "Musik und Gesellschaft". Das Phänomen Musik wird also nicht unter einem historischen, sondern unter systematischen Gesichtspunkten erörtert, wobei sich der Blick in erster Linie auf die westliche Musikkultur richtet, aber auch kulturübergreifende Aspekte erörtert werden. Diesem Ansatz ist auch die Schott-Publikation verpflichtet.

Im Musikschrifttum unserer Zeit einzigartig
Bei dem Begleitbuch handelt es sich nicht um die Sammlung der Sendemanuskripte, sondern um 24 Aufsätze prominenter Wissenschaftler und Publizisten, die zumeist aus umfangreicheren, zumeist neueren Darstellungen übernommen sind. In einer kurzen Einleitung wird jeweils die übergreifende Thematik ver-mittelt. Die meisten Autoren repräsentieren einen geisteswissenschaftlichen Ansatz angelsächsischer Prägung, der sich durchaus einem größeren, nicht unbedingt nur fachspezifisch orientierten Publikum zuwendet. Man erhält durch das Buch einen Überblick über die "Musikdiskussion" der Gegenwart, der besonders durch seinen immensen Reichtum an Aspekten fasziniert. Allein dies macht die Publikation im Musikschrifttum unserer Zeit einzigartig und überaus wertvoll.

Diametrale Antworten
Die zentralen Aspekte der Aufsätze sind musiksoziologische, -psychologische, -physiologische, -ethnologische – mit den wichtigsten Fragen: Wie funktioniert Hören und Verstehen von Musik? Ist die Mu-sik eine Sprache? Wie wird die Musik neurophysiologisch verarbeitet? Wie bildet sich der musikalische Ge-schmack? Auf diese Fragen werden bisweilen radikal diametrale Antworten und solche gegeben, die allzu sehr simplifizieren, etwa: "Die Zeichen der Wortsprache – also die Worte – haben eine Bedeutung, während die Klänge der Musik nur sich selbst bedeuten." (Hans Zender, 2009). Dieser Ansatz ignoriert leider das gewiss nicht in jeder Hinsicht spekulative Gedankengebäude der Affekten- und Figurenlehre des 16. – 18. Jahrhunderts.

Nicht in Worte zu fassen
"Coda" ist der letzte Aufsatz überschrieben: "Letztendlich müssen wir der Musik gestatten, Musik zu sein – mit ihren eigenen Emotionen und Empfindungen, die wir noch nicht benannt haben und vielleicht auch nicht benennen müssen. Musik ist nicht wie andere Kunstformen; sie ist einzigartig und somit in gewisser Hinsicht nicht in Worte zu fassen.“ so der Londoner Wissenschaftsjournalist Philipp Ball (The Music Instinct, London 2010). Dem kann – bzw. darf – nichts mehr hinzugefügt werden.
Bernhard Morbach, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2012/sinfonie_des_lebens.html

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