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Nein, ein Antikriegsbuch ist das nicht. Der Grünen-Politiker Koenigs interessiert sich in seiner Rolle als westlicher Funktionsträger in Afghanistan für das Praktische, und da haben ideologisch-prinzipielle Fragen einen eher nach geordneten Platz. Dennoch kann man sich hier gut über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Frieden und Verständigung in Afghanistan informieren, sozusagen anhand von kleinen Alltagsgeschehnissen.
Der Autor erzählt aber auch von den "höheren Themen", etwa von komplizierten, gestelzten, diplomatischen Beziehungen, von westlichen Botschaftern, die an ihren nationalen Egoismen kleben, die alles andere, nur keinen Entscheidungsmut besitzen, von der problematischen Rolle der Medien hier in Europa, die oft nur Halbwahrheiten über Afghanistan an uns weitergeben, und er hat unter seinen Themen auch Kritik am problematischen militärischen Mandat. Ob es Sinn macht, dass etwa von 5000 deutschen Soldaten vor Ort immer nur 500 auf wirkliche Patrouille gehen, während die Mehrheit der Soldaten dann für die Dauer des Aufenthalts in den Camps steckt, das wird so scheinbar nebenbei angefragt. In anderen Textteilen beschreibt Königs das absurde diplomatische Protokoll, den Prunk und Plunder, seltsame Konstanten trotz der offensichtlichen Zunahme von Gewalt, Bombenanschlägen und Selbstmordattentaten. Nie aber tragen diese Beschreibungen anklagenden Charakter.
Da die Texte ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren, so sagt es jedenfalls das Buch (es waren wohl Königs e-mails an Familienangehörige und Freunde in Deutschland), sind diese tagebuchartig sortierten Berichte ganz "undiplomatisch" geschrieben und halten unfrisierte Gedanken eben gerade nicht zurück. Das macht das Buch lesenwert. Erzählt wird chronoloisch, mit Zuordnungen zu einzelnen Tagen, etwa im Wochen - oder Zehntagesrythmus. Oft selbstkritisch schildert Königs in den tagebuchähnlichen Berichten und - Eintragungen die eigenen Schwächen genauso ungeschützt wie auch die Freude des Diplomaten, wenn ihm mit seinen unorthodoxen Methoden ein Erfolg beschieden ist. Wenn ein erklärter Bürokrat ein Buch über Afghanistan schreibt, kann nichts Lesbares herauskommen, möchte man meinen. Tom Koenigs beweist uns das Gegenteil, denn diese Berichte sind eine stilistische Seltenheit: Sie lesen sich witzig. Literarisch sind sie eher nicht, aber dafür benutzen sie einen unbefangenen Stil, und das ist angesichts der verkorksten Situation vor Ort schon eine Menge.
Wie kommt es zu solcher Überraschung? Zunächst einmal hat Koenigs Humor. Das hilft, auch in schlimmer Lage. Dann ist er einer, der – auch beim Schreiben – Geduld aufbringt. Koenigs schildert mit wohltuender Distanz zeremonielle Empfänge, die mit schöner Regelmäßigkeit im afghanischen Staub versinken. Er gibt uns Lesern damit – vielleicht ungewollt – auch in etwa ein Bild der afghanischen Vergeblichkeit.
Salli Sallmann, kulturradio