Der Appell des Dalai Lama an die Welt – Ethik ist wichtiger als Religion; Montage: rbb

Mi 22.07.2015

Sachbuch

Franz Alt (Hrsg.): "Der Apell des Dalai Lama an die Welt. Ethik ist wichtiger als die Religion"

Der Dalai Lama fordert weltweit eine säkulare Ethik. Ein bedeutendes Manifest ist daraus leider nicht geworden.

"Ethik ist wichtiger als Religion" tönt der Titel des Buches - allein, tiefergehende Begründungen, bei denen man die philosophischen Ohren spitzen würde, sucht man vergeblich. Wohingegen es an oft redundanten apodiktischen Sentenzen nicht fehlt: "Ethik, nicht Religion, ist in der menschlichen Natur verankert" oder "Ethik geht tiefer und ist natürlicher als Religion".

Das sind Behauptungen, die längst nicht jeder Anthropologe so unterschreiben würde. Fraglos richtig aber konstatiert der Dalai Lama, dass im Namen (fast) aller Religionen seit jeher Gewalt ausgeübt wurde und weiterhin aus­ge­übt wird. Und deshalb fordert er für das 21. Jahrhundert die Heraufkunft einer säkularen Ethik, der sich absolut jeder anschließen kann: Menschen aller Religionen und Sekten, Atheisten, Agnostiker und Frei­geis­ter jeder Sorte. Grundlage dieser Ethik - man ahnt es, sofern man ein biss­chen mit dem 14. Da­lai La­ma vertraut ist - sollen "Achtsamkeit, Bildung, Respekt, Toleranz, Für­sor­ge und Gewalt­losig­keit" sein. Wir müssten endlich lernen, dass alle Menschen Brüder und Schwes­tern sind, flötet er im "Freude, schöner Götterfunken"-Sound und fordert zu diesem Zweck ein XXL-Quantum Me­dita­tion, Zuhören und Nachdenken.

Ethische Ausbildung wichtiger als Religionserziehung

Indessen appelliert der Dalai Lama weder direkt an Religionen und Religionsgemeinschaften noch an konkrete politische Institutionen oder amtierende Regierungen. Der Adressat seiner Schrift ist in aller Be­scheidenheit "die Welt", man könnte auch sagen: Die Menschheit überhaupt. Immerhin ver­urteilt der Dalai Lama den unseligen Irak-Krieg der USA unter George W. Bush und - deutlich aus­führli­cher - die chinesische Besatzung des Tibet, die er seit langem für eine "Art kulturellen Völkermord" hält. Seine Vision: Der Tibet soll künftig eine waffen- und gewaltlose Zone werden, praktisch eine Zo­ne für angewandte Ethik, und außerdem zum größten Naturschutzpark der Welt.

Auch die Wis­sen­schaft bekommt eine stolze Aufgabe. Der Dalai Lama ruft vor allem Hirnforscher, Neuro­psy­cho­logen und Pädagogen zur globalen Ethikforschung auf. Ab dem 14. Lebensjahr - es ist nicht erkenn­bar, warum es diese Schwelle sein muss - sei ethische Ausbildung für Erdenbür­ger wich­tiger als Re­ligionserziehung. Alle weiteren Aufforderungen richten sich ans große humanis­ti­sche 'Wir', das laut Dalai Lama die passende richtig-falsch- und gut-böse-Differenzierung im Grun­de immer schon in­tus hat. Merke: "Wir wissen ja oft, was wir tun, aber wir tun nicht, was wir wis­sen."

Dalai Lama und Franz Alt; Foto: © Benevento / Bigi Alt
Dalai Lama und Franz Alt; © Bigi Alt

Buddhismus mit lebenslanger Easy-Going-Garantie

Auch vom Charakter "seiner Heilig­keit", vom Dalai Lama als Privatmann bekommt man einiges mit, wenn auch kaum Neues. Dieser Mann lacht sehr gern, sehr viel und sehr laut - worauf im Ge­spräch mit dem Journalisten Franz Alt, das den größten Teil des Büchleins ausmacht, jeweils ein eingeklammerter Satz hinweist. So etwa, als der Dalai Lama erklärt, er könne sich auch eine Frau als Nachfolger vorstellen - nur: "sie sollte attraktiv sein". "Jetzt lacht er beson­ders lange und laut", heißt es an dieser Stelle im Klammertext.

Und ansonsten? Der Dalai Lama isst keine Süßig­keiten, geht um halb sieben zu Bett und führt seine Fitness, die für einen 80jährigen erfreulich ist, da­rauf zu­rück, dass er seit Jahrzehnten kein Abendessen zu sich nimmt. Kurz: Dieser Mann ist eine Gute-Lau­ne-Koryphäe fernab finsterer Tiefsinnsgrübelei, ein Typ für die volle Sympathie-Punkt­zahl. Man hat den Eindruck, dass der Buddhismus, wie er ihn praktiziert, eine lebenslängliche Easy-Going-Garantie bietet.

Wohlbekannte Weltheilungsrezepte

Ein bedeutendes Manifest oder gar ein konsistenter Aufruf zum ethischen Aufstand ist das Buch nicht. Es ist in erster Linie die säkulare Predigt eines fröhlichen Gutmenschen, der mehr oder weniger wohl­be­kannte Weltheilungsrezepte ausstellt und Empfehlungen zur Lebenskunst gibt - stets mit dem speziellen La­ma-Charisma, das indessen diesseits der Fan-Gemeinde manchem auf die Nerven geht.

Aber nun. Der Dalai Lama ist und bleibt ein Agent der spirituellen Einfachheit in einer komplexen Zeit, quasi ein buddhistischer Basis-Humanist. Weil seine Botschaften zwar einfach, aber darum noch nicht falsch sind, dürften sie so manches Herz erwärmen, das unter den Anmaßungen der Ge­genwart zur Eisstarre tendiert. Zu befürchten ist indessen, dass der Global-Appell das Schicksal von Roman Herzogs berühmter Ruck-Rede teilt. Es geht halt kein ethischer Ruck durch die Menschheit, nur weil der Dalai Lama den Ruck beschwört.

Käme es allerdings doch so, würde das harte Antlitz der Erde wohl etwas weicher werden. Viel­leicht würden sich sogar Lachfalten zeigen.

Arno Orzessek, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2015/appell-des-dalai-lama-an-die-welt.html

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