Julian Caskel, Hartmut Hein: Handbuch Dirigenten

Mi 30.12.2015

Sachbuch

Julian Caskel / Hartmut Hein: "Handbuch Dirigenten. 250 Porträts"

Bewertung: großartig

Wer wissen will, wo Sir Simon Rattle vor den Berliner Philharmonikern Chefdirigent war oder wann Ivan Fischer Geburtstag hat, kann schnell mal ins Internet schauen oder aber das neue "Handbuch Dirigenten" zu Rate ziehen. Hier sind 250 Porträts versammelt und damit so ziemlich alle großen Namen, die dem Publikum in den Berliner Konzertsälen als Pultstars begegnen.

Fundierte Recherche

Gegenüber Wikipedia hat das "Handbuch Dirigenten" einige deutliche Vorteile: Die Fakten sind fundiert recherchiert, es gibt eine ästhetische Einordnung, CD-Empfehlungen und eine essayistische Einführung ins Thema. So stellen die Autoren die Besonderheiten des Dirigentenberufs sowohl historisch als auch soziologisch dar bis hin zur Frage, warum es so wenige weibliche Dirigenten gibt. Die ursprüngliche Personalunion von Komponisten und Dirigenten wurde immer mehr zu einer Konkurrenz, die die Dirigenten schnell durch ihre Publikumswirkung für sich entschieden haben.

Die Herausgeber und die insgesamt 18 Autoren – allesamt Wissenschaftler und keine Journalisten – begründen die Auswahl der 250 Dirigenten mit philologischen Argumenten. Im Zentrum stehen die Dirigenten, die Aufnahmen hinterlassen haben und deren Wirken auf CD überprüft werden kann. Von einigen Wagner-Vertrauten abgesehen beginnt die Auswahl mit der Generation Fritz Reiner, Hans Knappertsbusch und Hermann Abendroth. Es finden sich eher die auf dem CD-Markt präsenten Namen als zum Beispiel Opernkapellmeister, die vielleicht öfter dirigieren, aber nicht diskographisch erfasst sind. Chordirigenten wie Simon Halsey fehlen ganz. Wert wurde allerdings auf französische, englische und tschechische Dirigenten gelegt, die man hier nicht so gut kennt.

Kein trockener Lexikonstil

Jeder Artikel beginnt mit einer Chronik, die die Hauptstationen so abgesichert wie möglich zusammenfasst. Es folgt eine interpretatorische Würdigung und schließlich je eine Liste ausgewählter Tonträger, Bildmedien und Literatur. Die Daten zu Simon Rattle sind zum Beispiel so aktuell, dass sein Wechsel nach London 2017 bereits berücksichtigt ist. Der ihm gewidmete Artikel über immerhin vier Spalten beginnt mit dem Satz: "Über wenige andere Dirigenten lässt sich so viel Gutes sagen, ohne über Musik zu sprechen".

Julian Caskel, der auch den Löwenanteil der Artikel geschrieben hat, versteht es, Sachverhalte auf den Punkt zu bringen und mit einer Portion Frechheit zu würzen. So charakterisiert er Rattles Augenmerk auf übersehene Details und seine verschiedenen Klangmöglichkeiten und stellt fest: "Rattle ist der Schutzpatron aller Pizzicato-Basslinien". Trockenen Lexikon-Stil hat man hier nicht zu erwarten, allerdings auch keinen adjektiv-verliebten Kritikerjargon.

Öffnet die Ohren, schärft die Sinne

Das Handbuch regt dazu an, sich mit den Dirigenten über das Biographische hinaus zu befassen. Als Ganzes ist es ein Appell, sich über Werturteile und Interpretationen tiefere Gedanken zu machen, zum Beispiel über die Frage, was "werkgetreu" eigentlich bedeutet. Dass man Dirigenten am Maßstab ihrer Tempi und der damit ohrenfälligen Expressivität beurteilen kann, ist zumindest ein produktiver Ansatz, den die Autoren hier verfolgen. Schon allein das öffnet Ohren und schärft die Sinne.

Der Vorteil des Buches ist zugleich sein Nachteil. Die Konzentration auf das Nachhör- und Messbare lässt die Begegnung im Konzertsaal außen vor. Diese bleibt am Ende dem Leser überlassen.

Dirk Hühner, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2015/caskel-hein-handbuch-dirigenten-2015.html

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