Uwe Rada, Mateusz Hartwich (Hg.): "Berlin und Breslau"; Montage: rbb

Sachbuch - Uwe Rada, Mateusz Hartwich (Hg.): "Berlin und Breslau. Eine Beziehungsgeschichte"

Bewertung:

Berlin und Breslau (das heutige Wrocław) waren bis zum Zweiten Weltkrieg zwei kulturell und vor allem historisch eng verbundene Städte. Doch auch nach dem Krieg riss der Dialog zwischen beiden Städten nie ganz ab.

In diesem Buch nun beschreiben deutsche und polnische Autorinnen und Autoren die verflochtene Geschichte beider Metropolen jeweils aus verschiedenen Perspektiven. Herausgekommen ist ein vielgestaltiges Panorama.

Da tauchen die lebendigen Kulturszenen ebenso auf, wie die jeweils angesagten Stadtviertel und wie sich das heutige Europa eben darstellt in Berlin und Breslau. Es geht um den schmerzhaften Prozess des Wiederaufbaus nach dem Krieg und natürlich um den Umgang mit der mehrfach gebrochenen Vergangenheit.

Die beiden Herausgeber Uwe Rada und Mateusz Hartwich haben sowohl vom Alter wie auch von der Sichtweise her ganz Unterschiedliches zusammengetragen. Über das Erinnern geschrieben hat der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der in Breslau geboren wurde. Daneben steht ein Beitrag von Agata Gabiś, geboren 1981, vom Institut für Kulturgeschichte an der Universität Breslau. Sie schaut auf städtebauliche Prozesse in Breslau.

Ein anderer Beitrag ist von der Berliner Stadtführerin und Historikerin Lisa Höhenleitner über das Oppenheim-Haus in Breslau und die Beziehungen seiner Bewohner nach Berlin. Robert Zurek, Wissenschaftler und Direktor der Breslauer Zweigstelle des Instituts für nationales Gedenken, schreibt über eine spannende Geschichte der deutsch-polnischen Versöhnung – ausgelöst durch einen Brief polnischer Bischöfe 1965.

Insgesamt ist es weniger ein Bild dieser Beziehungsgeschichte, das entsteht. Vielmehr wird hier begonnen, ein Knäuel zu entwirren. Und indem man die einzelnen Fäden entrollt, lässt man sich ein auf viele Erzählungen.

Die Herausgeber haben diesen Umstand ganz bewusst einkalkuliert und weisen gleich im Vorwort darauf hin, dass sich deutlich herausstellen würde, dass es gar nicht nur die eine Beziehungsgeschichte zwischen Berlin und Breslau geben kann. Dass es mehrere sein werden. Und genau das lösen die unterschiedlichen Beiträge auch ein.

Ein Beitrag von Beate Störtkuhl z.B. schaut in die Vergangenheit und betrachtet die Breslauer Moderne von 1900 bis 1933. Das sind hochinteressante Einblicke in das Entstehen einer Kulturszene an der Wende zum 20. Jahrhundert, die Jahre später nach Berlin zurückstrahlt.

Junge Architekten, die in Berlin studiert hatten und sich nun ausprobieren wollten, strebten aus der deutschen Hauptstadt nach Breslau. Der junge Hans Poelzig ist da zu nennen. Und wenig später war eine Garde von Architekten in beiden Städten aktiv: Hans Scharoun, Erich Mendelsohn, Max Berg oder Adolf Rading.

Von einer ganz anderen Beziehungsgeschichte erzählt der DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Templin. Da ist die Rede von einer Art Aufbauhilfe, die die "Kämpfende Solidarnosz" einst der Ostberliner Opposition geleistet hat. Aus Wrocław kamen nämlich damals neue Formen des Widerstands wie Happenings nach Ostberlin.

Und ein letztes Beispiel noch: Die Berlin-Szenen von Steven Spielbergs Drama "Bridge of Spies" wurden in Breslau gedreht in der ulica Miernicza. Also ein Stück Breslau von heute als Kulisse für das Berlin von gestern – auch das gehört zu dieser Beziehungskiste.

Die Texte sind naturgemäß stilistisch verschieden – so wie sie eben diese ganz verschiedenen Themen aus ebenso verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Damit kann man als Leser aber gut umgehen, da man ja ohnehin alle sechs bis sieben Seiten einen neuen Faden dieses Knäuels in der Hand hält.

Es gibt zu jedem Beitrag einige Fotos und Abbildungen. Die könnte man sich auch größer und opulenter vorstellen, aber dann wäre es nicht so ein kleines kompaktes Buch geworden. Das nämlich passt in die Manteltasche, wenn man von Berlin aus in den Kulturzug nach Breslau steigt.

Danuta Görnandt, kulturradio

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