Erzählungen - Björn Kern: "Das Beste, was wir tun können, ist nichts"

Bewertung:

"Eigentlich will man frische Luft, weite Sicht, ein bißchen platonische und sehr viel körperliche Liebe. Grundlage dafür: gelingendes Nichtstun."

Der im Schwarzwald geborene, lange schon in Berlin lebende Autor hat vor einiger Zeit im Oderbruch ein Haus gekauft – zu einem Preis, "für den man in München seine Gästetoilette renoviert". Dieser Schritt hat sein Leben verändert. Dort sitzt er auf ei­ner Bank, schaut in die Landschaft und weiß, so sieht eine rundum gelungene Existenz aus, eine, in der das Nichtstun im Zentrum steht. Getan hat er daraufhin doch etwas, ein heiteres Plädoyer fürs - und viele le­senswerte Geschichten vom - Nichtstun geschrieben.

Es ist nicht einfach nichts zu tun

Am Anfang dieser Betrachtung über das richtige Leben wird man gewarnt: "Es ist nicht ein­fach, nichts zu tun, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Wer etwas tut, hat das Verständnis auf seiner Seite. Wer nichts tut, leidet unter Rechtfertigungsdruck." Und am Ende heißt es nicht ganz ernst, aber doch überzeugend empathisch: "Es geht hier um die Rettung der Welt."

Mehr Zeit für das Kind

Dazwischen bewegt sich der vielfach ausgezeichnete Autor, wenn er von seinem alten und seinem neuen Leben erzählt, von der Erinnerung an ein französisches Paar, das sehr entspannt einen Ziegenhof betrieb, von seinem Vater, der "wie viele Väter seiner Generation" nicht sein eigenes Kind wickelte und badete, sondern das erst tat, als dieses Kind seinerseits Vater wur­de. Vorher war er unablässig mit Geldverdienen beschäftigt gewesen. Björn Kern wollte das nicht wiederholen und nimmt sich also Zeit fürs Kind und für ein "Nichtstun, das verhin­dert, dass man später einmal bereut."

Weniger Arbeit, mehr Leben

Er sortiert seinen Alltag neu: mehr Zeit, weniger Arbeit, mehr Leben. Nicht professioneller Tatendrang und hektisches Mailchecken bestimmen fortan seine Tage, sondern Kontemplation und Staunen. Eine wichtige Rolle spielt dabei sein Bran­denburger Nachbar, der ihm zeigt, wie man weniger Geld für unsinnige Dinge ausgibt und deswegen eben auch weniger Geld verdienen muss.

Amüsante Selbstbetrachtung

Mit der Fähigkeit zur ironischen Selbstbetrachtung und einer angenehm unideologischen Haltung nimmt uns Björn Kern mit ins wahre Wunderland, in dem nicht Fleiß und Ver­gnü­gungsoptimierung herrschen, sondern Gelassenheit und Frohsinn – im Zweifel auch bei einer Arbeit, die man mag. Nur der Drang, auf der Karriereleiter aufzusteigen, verträgt sich definitiv nicht mit dem programmatischen Nichtstun. Die Lektüre dieses amüsanten Buchs jedoch schon.

Manuela Reichart, kulturradio

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