Ian McEwan: Nussschale; Montage: rbb

Roman - Ian McEwan: "Nussschale"

Bewertung:

Ein Verwirrspiel von Liebe und Verrat, das durch die grotesk überzeichnete, satirisch verfremde Perspektive besonders eindringliche Wirkung erzielt.

Ian McEwan zählt zu den bekanntesten und bedeutendsten britischen Schriftstellern der Gegenwart. Der 1948 in Aldershot geborene und seit vielen Jahren in London lebende Autor hat mit Romanen wie "Amsterdam", "Abbitte", "Saturday", "Solar", "Hong" und "Kindeswohl" ein Millionenpublikum erreicht und wird immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Heute erscheint sein neuer Roman, er trägt den Titel "Nussschale". Die Erwartungen sind groß, wird doch seit Monaten davon geraunt, der Roman sei etwas ganz Besonderes, verstörend und verblüffend und erzähle eine elementare Geschichte von List und Leidenschaft, Liebe und Mord auf eine völlig neue Weise.

Die Banalität des Bösen

Ian McEwan hat ein Faible für ungewöhnliche Perspektiven und Themen: In "Der Zementgarten" begegnen wir verwaisten Kindern, die ihre tote Mutter im Garten verscharren und sich von der Umwelt abkapseln, um weiterhin staatliche Unterstützung zu bekommen und nicht in Heim gesteckt zu werden. In "Abbitte" beichtet eine greise Schriftstellerin, dass sie einst als junges Mädchen mit egozentrischer Naivität und pubertärer Eifersucht das Leben anderer Menschen zerstört hat. In "Kindeswohl" quält sich eine Richterin mit der Frage, ob es juristisch erlaubt ist, einen an Leukämie erkrankten Jungen, der aus religiösen Gründen die lebensrettende Zufuhr fremden Blutes verweigert, gegen seinen Willen ärztlich zu versorgen und am Leben zu erhalten. Was andere Autoren umtreibt - die Beziehungs- und Sexprobleme des europäischen Mittelschicht-Mannes in der Midlife-Krise - hat Ian McEwan nie besonders interessiert, diese Themen schwingen allenfalls als zum Klischee und Kitsch verzerrte Hintergrund-Musik in seinen Romanen mit. In "Nussschale" dreht er noch einmal gehörig an der Perspektiv-Schraube und erzählt eine bizarre Geschichte, die von der Lust auf Leben und der Banalität des Bösen handelt, die Arthur Schopenhauer auf die literarische Schippe nimmt und die Welt als Wille und Vorstellung kreiert, aus der Sicht eines ungeborenen Kindes: Darauf muss man erst einmal kommen, den Mut muss man erst einmal haben.

Eigentlich ist es ganz einfach: ein Kind liegt in der Gebärmutter, weil der Geburtstermin kurz bevor steht, es schon sehr eng geworden ist in der warmen Höhle, bezeichnet das Kind sie - in Anspielung an ein Zitat aus Shakespeares "Hamlet" - als "Nussschale", die es bald gilt aufzubrechen. Es ist ein naseweises, schelmisches Kind, das noch nicht sehen, aber hören und denken kann; ein Kind, das sich auf alles, was geschieht, einen Reim macht und mit garstigem Humor kommentiert, was da draußen in der Welt an politischem Unheil geschieht und warum mit der Ehe seiner Eltern scheinbar alles schief läuft; das Kind spürt am sich verändernden Herzschlag der Mutter, was vor sich geht, ob die Mutter liebt oder lügt oder mit ihrem Liebhaber im Bett liegt und Mordpläne schmiedet. Denn genau das geschieht: die hoch schwangere Trudy hat ihren Ehemann John, ein Lyriker und Verleger, aus dem Haus gejagt, eine Auszeit vom Ehealltag gebeten, doch eigentlich will sie mit ihrem Geliebten eines neues Leben beginnen; ihr Geliebter heißt Claude, es ist der tumbe Bruder ihres vergeistigten Ehemannes, die Ehebrecher haben ständig heftigen Sex, der dem hilflosen Kind in der Gebärmutter ziemlich auf die Nerven geht; außerdem sind Trudy und Claude geldgierig, sie wollen John vergiften und die Londoner Familien-Villa verscherbeln. Was das ungeborene Kind besonders verärgert und verängstigt ist, dass scheinbar niemand auf das Kind Rücksicht nimmt und sich darüber Gedanken macht, wie und wo es erzogen werden und wie es damit leben soll, dass der Vater vielleicht bald tot und die Mutter vielleicht bald eine Mörderin sein könnte: Das Kind, so scheint es, ist das einzige Wesen mit funktionierender Moral und einem auf Vernunft beruhenden Denken.

Liebe und Verrat

Natürlich sollen wir das alles nicht für bare Münze nehmen, sondern als literarische Versuchsanordnung über ein Verwirrspiel von Liebe und Verrat, das durch die grotesk überzeichnete, satirisch verfremde Perspektive besonders eindringliche Wirkung erzielt. Das Kind ist ein emotionales Kraftzentrum und eine intelligente Bestie - und das wird uns als Kulturradio-Macher besonders freuen! -, weil die an Schlaflosigkeit leidende Mutter ständig Radio hört, Wissenschafts-, Politik-, Kultur-Sendungen, Nachrichten, Hörspiele, Lesungen, Features. Das Kind, das ja noch ein weißes unbeschriebenes Blatt und weder gut noch böse ist, saugt das Gehörte auf, weiß alles über Terror und Tugend, das Liebesleben der Bienen und die Kultur der Alten Ägypter, über James Joyce und William Shakespeare, verknüpft alles zu einem eigenen Moral- und Wertesystem, das dem der Erwachsenen haushoch überlegen ist. Denn während die Erwachsenen voller Gier, Neid, Hass, Wollust und Habsucht sind, will das ungeborene Kind nur eines: gesund auf die Welt kommen, zufrieden leben und von seinen Eltern geliebt werden! 

Kurios und zugleich komisch konstruiert

Es ist ein Roman, mit dem sich die Chancen von Ian McEwan erhöhen könnten, vom ewigen Kandidaten zum Preisträger zu werden und (irgendwann einmal) den Literaturnobelpreis zu bekommen. Selten konnte man einen so kurios und zugleich so komisch konstruierten Roman über so wichtige, existenzielle Fragen lesen. Mit leichter Hand und feiner Ironie zeichnet er das Drama des ungeborenen, ungeliebten Kindes, das um sein Leben kämpft und kopfschüttelnd und fassungslos die Dummheit der Erwachsenen registriert. Es geht in diesem philosophisch ausgeklügelten, sprachlich versierten, literarisch fesselnden Roman im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Die Erzähl-Perspektive ist hanebüchen, der Humor makaber, die Aussicht auf ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen mehr als fragwürdig: Doch gerade dieses ambivalente Schlingern zwischen Optimismus und Pessimismus macht den Roman so spannend und lesenswert, so einzig- und großartig. Ian McEwan endet mit den Worten: "Erst Gram, dann Gerechtigkeit, dann Sinn. Der Rest ist Chaos": Dem ist nichts hinzuzufügen.

Frank Dietschreit, kulturradio

Weitere Romane