
Sachbuch - Kristina Spohr: "Helmut Schmidt. Der Weltkanzler"
Kristina Spohr hat keine Biografie geschrieben, im Mittelpunkt ihres Buches steht der konzeptionelle Denker der internationalen Politik. Es dürfte Helmut Schmidt sehr gefallen haben, als Lotse des Weltgeschehens noch einmal Nachruhm zu erlangen.
Bücher über Helmut Schmidt gibt es ja wahrlich in ausreichender Zahl. Was also macht bei diesem "Weltkanzler" von Kristina Spohr den lesenswerten Unterschied? Die Professorin für Internationale Geschichte an der London School of Economics hatte Zugang zum privaten Archiv von Helmut Schmidt, machte davon reichlich Gebrauch und hat noch wenige Wochen vor seinem Tod ein langes Gespräch mit ihm geführt.
Konzeptioneller Denker & Lenker internationaler Politik
Der große inhaltliche Unterschied liegt in der Perspektive. Kristina Spohr hat keine Biografie geschrieben; ihr geht es auch nicht um den "Macher" Helmut Schmidt. Im Mittelpunkt ihres Buches steht der konzeptionelle Denker der internationalen Politik und, soweit das einem Kanzler der damals ja noch "kleinen" Bundesrepublik möglich war, auch der Lenker internationaler Politik. Es dürfte Helmut Schmidt sehr gefallen haben, als Lotse des Weltgeschehens noch einmal Nachruhm zu erlangen.
Es ist jedenfalls die wichtigste Erkenntnis des Buches, dass es Schmidt in seiner Kanzlerschaft gelungen ist, die internationale Bedeutung der Bundesrepublik anzuheben. Seine Nachfolger haben davon profitiert.
Weltwirtschaftskrise …
Diese Meriten hat sich Schmidt in zwei internationalen Themenbereichen erworben: der Weltwirtschaftskrise der 70er Jahre und der Sicherheitspolitik. Beides sind die Hauptinhalte des "Weltkanzlers" von Kristina Spohr.
Die Weltwirtschaftskrise (Stichworte: 1. Ölkrise, Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods, steigende Arbeitslosigkeit) war schon in vollem Gange, als Schmidt 1974 Kanzler wurde. Der gelernte Volkswirt war sofort in seinem Element. Innerhalb kurzer Zeit stieg er zu einem bedeutenden internationalen Akteur auf und war - so Spohr - ein "Katalysator" der Gipfeltreffen der Regierungschefs. Das fing eher klein an, mit sechs Regierungschefs.
Die meisten davon waren oder wurden auch gute politische Freunde des Hanseaten, weit über seine Amtszeit hinaus. Das spiegelt seine Fähigkeit wider, politische Freundschaften und Verbindungen quer über den Globus zu pflegen. Er war stets gut vernetzt. Er war aber auch zu deutlichen Aversionen in der Lage. Hielt er sich doch selbst für höchst befähigt, verzieh er vermutete Inkompetenz bei anderen nicht.
… & Sicherheitspolitik
Das spielte – so Spohr – eine Rolle bei dem zweiten großen Krisenthema, der Sicherheitspolitik. Wie sollte der Westen auf die nukleare Aufrüstung der Sowjetunion im Bereich der Mittelstreckenraketen reagieren? Hatte Jimmy Carter den deutschen Kanzler schon mit seinem Hin und Her bei der Neutronenbombe zur Verzweiflung getrieben, platzte Schmidt jetzt der Kragen. Schließlich war er der Erfinder des Doppelbeschlusses, der Verhandlungsangebot und Nachrüstung beim Scheitern der Verhandlungen verknüpfte, und ein Abrücken der westlichen Führungsmacht von den Verhandlungen wollte er nicht hinnehmen. So kam es beim Gipfel in Venedig im Juni 1980 zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Schmidt und Carter, bei der der Kanzler deutlich machte, sich nicht wie "der 51. Bundesstaat" Amerikas behandeln zu lassen.
Übergangsfigur & Doppeldolmetscher
Die konsequente Umsetzung des Doppelbeschlusses führte schließlich 1987 – nach begonnener Nachrüstung – zum Erfolg. Doch da war Schmidt nicht mehr Kanzler. Dazu Kristina Spohr: "Letztendlich brachten die ständigen Angriffe auf Schmidt durch pazifistisch und anti-amerikanisch eingestellte Genossen innerhalb der SPD die Koalition zu Fall und drängten den Kanzler 1982 aus dem Amt. Kurz gesagt: Schmidt, der Staatsmann von Weltgeltung, konnte sich nie vollständig über die Probleme des Parteipolitikers Schmidt erheben. Was er unter diesen Begleitumständen auf der internationalen Bühne erreicht hat, ist beeindruckend."
Kristina Spohr macht in Ihrem sehr lesenswerten Buch deutlich, dass Helmut Schmidt mehr war als eine "Übergangsfigur" – wie sein Freund Henry Kissinger urteilte. Gewiss bekam er vom Schicksal keine Großchance gegönnt wie Adenauer mit der Westintegration, Brandt mit den Ostverträgen und Kohl mit der Wiedervereinigung. Aber er hat in schwieriger Lage auf Augenhöhe mit Washington und Moskau gesprochen und seine Rolle als "Doppeldolmetscher" ausgefüllt. Hätte das ein anderer geschafft?
Nach ihm wohl kaum einer, denn den Spielraum seiner Nachfolger hat er wesentlich erweitert, die Bundesrepublik war im Kreis der führenden Nationen angekommen. Auch das ist das Vermächtnis des "Weltkanzlers".
Eckhard Stuff, kulturradio

