Don DeLillo: Unterwelt; Montage: rbb

Roman - Don DeLillo: "Unterwelt"

Bewertung:

Don DeLillo, der große us-amerikanische Epiker des 20. Jahrhunderts, wird 80 Jahre alt. Anlass für uns, sein größtes Werk zum Wiederlesen zu empfehlen.

Das deutsche Lesepublikum hat Don DeLillo erst Ende der Achtzigerjahre entdecken können, als der Roman "Weißes Rauschen", sein ironisch-bissiges Porträt der amerikanischen Mittelschicht erschien. Sein wohl größtes Werk – was den Umfang, aber auch den Anspruch betrifft –, ist die verschlungene, großangelegte und kleinteilig erzählte Geschichte des Kalten Kriegs, erzählt anhand eines Baseballs. "Unterwelt" heißt das knapp 1.000-seitige Buch.

Das erste Kapitel ist eins der ganz großen Meisterwerke realistischen Erzählen: Im New Yorker Stadion, während des epochalen Baseballspiels der Brooklyn Dodgers gegen die New York Giants im Oktober 1951, sitzen alle möglichen Zuschauer verschiedenen Alters, verschiedener Herkunft und mit sehr verschiedenen Nebengedanken.

Als der Ball nach einem sensationellen Schlag in die Zuschauerränge fliegt und den Giants wider Erwarten den Meistertitel sichert, wird auf der anderen Seite der Erdkugel die erste russische Atombombe gezündet.

Der Baseball, dieser kleine symbolische Gegenstand, wird nun von Hand zu Hand, von Söhnen zu Vätern und zu anderen Vätern und Söhnen weitergereicht. DeLillo verbindet darüber viele Leben, Milieus und Sprachformen, verwirrt, verknüpft und löst die Handlungsfäden in postmoderner Manier.

Dabei verschieben sich ständig die Perspektiven und Gewichte: ein Detail der einen Episode wird zum großen Leitmotiv der nächsten; Hauptfiguren werden zu Randfiguren, und unscheinbare Zeitgenossen zu Trägern der großen Ängste, Hoffnungen und fixen Ideen ihrer Zeit.

Im Hintergrund flackert die Kuba-Krise auf, und alles mündet in das, was Francis Fukuyama das "Ende der Geschichte" nannte. Es ist ein erstrangiger Zeitroman – nicht nur im Hinblick auf die Große Geschichte. Es ist auch ein Klassiker der dahingegangenen Postmoderne.

Katharina Döbler, kulturradio

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