Gérard de Nerval: Aurelia; Montage: rbb

Roman - Gérard de Nerval: "Aurelia oder Der Traum und das Leben"

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Er war nicht nur ein großer Kenner und Vermittler der deutschen Literatur in Frankreich, er war auch einer der Großen der französischen Romantik: Gérard de Nerval, alias Gérard Labrunie, geboren 1808, gestorben von eigener Hand in einer dunklen Pariser Gasse 1855.

Das Letzte, an dem er geschrieben hat, war ein kleines Buch mit dem Titel "Aurelia oder Der Traum und das Leben". Es ist ein seltsames und fragmentarisches Werk: eine Aufzeichnung von Träumen und Fantasmagorien, verschmolzen mit autobiografischen Skizzen und mystischen Weltentwürfen.

Schlüsselfigur des Ganzen ist eine Frauengestalt, die sich mal als Geliebte, mal als Mutter, mal als Göttin oder Dämonin manifestiert.

In dieser "Aurelia" verschmelzen die realen Bilder der von Nerval verehrten Schauspielerin und Sängerin Jenny Colon und seiner früh verstorbenen Mutter, von der er weder Erinnerungen noch ein Porträt besaß. Sie war in Schlesien gestorben, als der Vater, Militärarzt im Dienste Napoleons, dort stationiert war.

Leuchtende Schwärze

Nervals Vorliebe für deutsche Kultur, vornehmlich die literarische Romantik, ist vermutlich ein Erbe dieser Familiengeschichte. Er übersetzte viel, auch Goethes "Faust", war ein guter Freund von Heinrich Heine und gab eine Sammlung deutscher Lyrik heraus.

In der "Aurelia", die später zum Schlüsseltext für nachfolgende Dichtergenerationen wurde, entfaltet sich die leuchtende Schwärze seines Spätwerks mit deutlichen Anklängen an die romantischen Erzählungen E.T.A Hoffmanns oder auch an die nihilistisch düstere "Rede des toten Christus" von Jean Paul.

Es gibt hier keine greifbare fortlaufende Handlung, sondern nur eine symbolische Verkettung von Symbolen, Mustern und Spiegelungen. Entstanden sind die Texte auch auf Anregung des Psychiaters, der Nerval erstmals 1841 in seiner Nervenklinik behandelte. Es zeugt von dem Versuch, einerseits die Psychose durch rationale Beschreibung in den Griff zu bekommen, andererseits ihre luziden Traumwelten dichterisch auszubeuten.

Die Normalität transzendieren, eine Sprache für das Andere in uns finden, die es so noch nicht gab: das war Nervals Versuch und Suche. Und so fragmentarisch sein nachgelassenes Buch auch geblieben ist, hat er damit die Türen für spätere Dichter-Generationen geöffnet, von den Symbolisten bis zu den Surrealisten.

Katharina Döbler, kulturradio

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