Jack London: Martin Eden; Montage: rbb

Zum Wiederlesen empfohlen - Jack London: "Martin Eden"

Bewertung:

Erzählt wird die Geschichte des aus dem tiefsten ungebildeten Proletariat stammenden jungen Mannes Martin. Der Roman erschien 1909, ist dem Spätwerk Jack Londons zuzurechnen – und trägt autobiografische Züge.

Martin ist ein Matrose, ungehobelt, aber lebensklug. Durch einen Zufall lernt er die gebildete und zarte, aus wohlhabendem Haus stammende Ruth kennen. Für ihn ist es insgeheim Liebe auf den ersten Blick. Martin glaubt, einzig durch das Erlangen von Bildung und Manieren Respekt und Liebe der jungen Ruth zu erlangen. Da er aber arm ist und sich weder Schule noch Lehrer leisten kann, lernt Martin allein, als Autodidakt.

Auf diesem Weg entdeckt er in sich Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Schließlich will er Schriftsteller werden, er arbeitet hart an sich und erlangt dadurch Ruths Zuneigung und Liebe – zunächst.

Näherungen zum Autor

"Martin Eden" lässt viele Näherungen zum Autor London zu, allerdings nur, Jack Londons Anfänge als Schriftsteller betreffend. Wie Martin Eden war wohl auch der junge Jack London ein mittelloser und ungehobelter Geselle, der sehr lange vergeblich um seine Anerkennung als Künstler rang.

Wie Martin Eden hat London hunderte Ablehnungen seiner Texte hinnehmen müssen und Armut erlitten. Wie Martin Eden bewegte sich London dabei immer gefährlich nah an Abgründen, Alkohol und Verzweiflung betäubten ihn. Und wie Martin Eden hat London die Hartnäckigkeit besessen, eben doch immer wieder weiterzuarbeiten und nicht aufzugeben.

Plötzlich Erfolg

Martin Eden entdeckt bei seinen Selbstbildungsbemühungen seine Begabung. Er gräbt sein bis dahin schlummerndes Talent aus wie einen Goldklumpen. Und da er Schriftsteller sein will, schreibt er wie ein Besessener. Aber über lange Zeit wird keiner seiner Texte veröffentlicht. Seine Liebste Ruth und deren gehobene Familie möchten ihn lieber auf der sicheren Seite des Lebens sehen, als Bankangestellten, Lehrer oder Rechtsanwalt.

Schließlich bricht die Beziehung zu seiner Verlobten Ruth, deren Glaube an ihn und an ihre Liebe geringer ist als ihre Zweifel. Seine Niederlage scheint vollkommen. In dieser Situation hat er plötzlich Erfolg und wird zum Bestseller-Autor.

Und hier kommt der zweite Hauptkonflikt auf Martin Eden zu: Nun erhält er von ein und denselben Menschen Bewunderung, die vorher auf ihn wegen seiner unbedeutenden Herkunft und seines Misserfolgs herabschauten. Und auch seine Ex-Verlobte steht plötzlich wieder vor der Tür. Martin Eden schickt sie weg. Und beginnt zu zerbrechen.

Versagen der Gesellschaft

Martin Edens Erkenntnis betrifft die Falschheit der Rolle des Ruhmes. Er, der weiß, dass sich die Qualität von Literatur nicht an der Zahl der Veröffentlichungen oder Besprechungen eines Autors messen lässt, findet sich in einer Massengesellschaft, die ästhetische und literarische Qualität schlicht nicht zu erkennen vermag.

Die Geschichte von Martin Eden ist also auch eine Geschichte vom Versagen der Gesellschaft. Das klingt ein wenig formelhaft, aber die Sprache Jack Londons arbeitet so souverän komplex und zugleich verständlich, dass die Konflikte Martin Edens wirklich und tief vor uns aufscheinen.

Londons grandios einfacher Stil, sein Vertrauen in klare Formulierungen, und wohl auch sein Wissen, dass er über leider unvergängliche und deswegen immerzu aktuelle menschliche Konstellationen schreibt, machen die Lektüre dieses Bandes zu einem Lese-Ereignis. Dazu beigetragen hat sicher auch die Neuübersetzung von Lutz W. Wolff.

Salli Sallmann, kulturradio

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