Jonathan Safran Foer: Hier bin ich; Montage: rbb

Roman - Jonathan Safran Foer: "Hier bin ich"

Bewertung:

Eine schrecklich nette Familie: Foers erster Roman nach elf Jahren erzählt souverän von inneren und äußeren Krisen und ist eine Liebeserklärung an die wörtliche Rede

In Erich Kästners berühmter "Sachlichen Romanze", eins der traurig-schönsten Gedichte über das Verschwinden der Liebe, sitzt ein Paar im kleinsten Café des Ortes, rührt fassungslos in den Tassen und schweigt. Die Geschichte von Jacob und Julia, dem Paar in Jonathan Safran Foers neuem Roman „Hier bin ich“ liest sich wie ein kommunikatives Gegenprogramm dazu: Ihre Liebe ist ebenfalls abhandengekommen, aber sie schweigen nicht, sondern sie reden. Viel, lange, ausführlich, immer wieder – und weil außer ihnen auch noch ihre drei Söhne und zahlreiche Verwandte zu Wort kommen, ist Foers Roman fast 700 Seiten lang geworden

Wenn aus Anwesenheit Abwesenheit wird

Nach elf Jahren Romanpause hat der US-amerikanische Schriftsteller nun also seinen dritten Roman veröffentlicht. "Alles ist erleuchtet" und "Extrem laut und unglaublich nah" waren literarisch-korrekte Frühwerke, doch das Älterwerden hat dem Autor Foer gut getan. "Hier bin ich" ist das Zeugnis einer erweiterten Souveränität, man spürt eine – dem Text wohltuende - Entzauberung und Ernüchterung, eine Entscheidungssouveränität und gereiftes dramaturgisches Können. Jonathan Safran Foer hat während der Romanpause zwei Söhne mit der Schriftstellerin Nicole Krauss bekommen und mit ihr wie eine jüngere Kopie des Paares Paul Auster/ Siri Hustvedt in einem Brownstone in Brooklyn gewohnt. Doch das Paar hat sich getrennt, das Haus wurde verkauft, Foer schrieb ein Sachbuch über Vegetarismus, tauschte mit Natalie Portman Emails aus, die teilweise im New Yorker veröffentlicht wurden. Und jetzt: der neue Roman.

Im Zentrum steht das Paar, Jacob und Julia Bloch, die mit ihren drei Söhnen in Washington D.C. leben. Als Julia eines Tages ein verstecktes Zweithandy findet, auf dem Jacob sich explizite SMS mit einer Kollegin schreibt, wird offensichtlich, was schon länger unausgesprochen klar war: Dass "aus all der Anwesenheit" nun "Abwesenheit" geworden war, "nun, da ihr erstes Baby bald zu einem Mann werden sollte und ihr drittes Baby Fragen zum Tod stellte". Sie haben die Familie erfolgreich verwaltet, sind aber füreinander zu Personen geworden, die sie nie werden wollten.

Eine Frage der Haltung – bin ich hier?

So weit, so ernüchternd. Foer hat dieser privaten Katastrophe eine weitere an die Seite gestellt, eine politische: Ein Erdbeben im Nahen Osten verschärft den Konflikt von Israel mit den arabischen Ländern, und Israel ruft die Juden in der Welt dazu auf, für das Land zu kämpfen.

Für die Familie sind beide Krisen gleichermaßen erschütternd. Alle müssen sich irgendwie verhalten – aber wie? Der Titel "Hier bin ich" spielt auf diese Frage der eigenen Haltung an, Jonathan Safran Foer hat ihn aus dem Alten Testament, als Gott Abraham auffordert, seinen Sohn zu opfern. Abraham stellt sich zur Verfügung und sagt "Hier bin ich". Diese Bereitschaft, im Dienste zu sein, steht programmatisch über dem ganzen Roman. Kann man gleichzeitig verheiratet sein, und dennoch als Individuum in die Welt gehen? Wie bleibt man ein engagierter Weltbürger, füllt aber dennoch gleichzeitig hingebungsvoll die Elternrolle aus? Muss man als amerikanischer Jude, als dritte Generation nach dem Holocaust, für Israel kämpfen?

Eine schrecklich nette, gebeutelte Familie

Über diese Fragen wird in der Familie Bloch viel gesprochen. In diesen wunderbaren Dialogen, seitenweise wörtliche Rede ohne störende Halbsätze wie "er sagt" oder "sie sagt". Ursprünglich hatte Jonathan Safran Foer an einer Fernsehserie über eine jüdisch-amerikanische Familie gearbeitet, doch im letzten Moment zog er das Thema wieder zurück und machte einen Roman daraus. Das erklärt den hohen Anteil an wörtlicher Rede – die dem Tempo des Buches sehr gut tut. Einfühlsam hat Foer diesen Familienmitgliedern eine Stimme gegeben, ob es der halbwüchsige Sohn ist, der sich in einer Internetparallelwelt ein Alter Ego geschaffen hat und sich in der echten Welt verliebt, oder die jüdische Verwandtschaft aus Israel, die zur bevorstehenden Bar Mizwa des ältesten Sohnes angereist kommt. Man kann sich diesen Dialogen schwer entziehen. Sollte man auch nicht. Denn so niederschmetternd der Verfall dieser Ehe auch sein mag, so beglückend ist es dennoch, diese schrecklich nette, gebeutelte, alltägliche Familie kennenzulernen, die – ein Glück für das Buch – ihren Problemen nicht mit Schweigen begegnet, sondern mit vielen, sehr vielen Worten.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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