Junichiro Tanizaki: Der Schlüssel; Montage: rbb

Roman - Junichiro Tanizaki: "Der Schlüssel"

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Junichiro Tanizaki, 1886 in Tokio geboren und dort auch 1965 gestorben, hat ein gigantisches literarisches Werk hinterlassen – und wird in Japan bis heute hoch verehrt.

Weit über 100 Bücher hat er veröffentlicht, Romane, Essays, Theaterstücke. Zu Ehren des Autors, der auch immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde, wird jährlich der mit einer Millionen Yen dotierte Tanizaki-Literaturpreis verliehen. Doch im deutschsprachigen Raum ist Tanizaki bis heute eher ein Unbekannter geblieben.

Jetzt unternimmt der Verlag Kein & Aber einen neuen Anlauf, uns den Autor ins Bewusstsein zu bringen und hat seinen 1956 in Japan und 1961 in Deutschland veröffentlichten Roman "Der Schlüssel" wieder neu aufgelegt.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Tanizakis Größe und Relevanz – bis heute – besteht darin, dass er sehr geschickt und klug auf der Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart operiert. Er ist noch ganz verstrickt in die Tradition fernöstlicher Lebensart und Kultur. Er weiß um die ritualisierten Sitten und Gebräuche, die strengen religiösen Vorschriften, die hierarchischen Strukturen in der japanischen Gesellschaft, die sich ja lange Zeit vom Westen abgekapselt und ein Eigenleben geführt hatte.

Aber Tanizaki ist auch fasziniert von der westlichen Moderne, ist beeinflusst von Oscar Wilde, Charles Baudelaire, Edgar Allen Poe, von den literarischen Unterströmungen des Geheimnisvollen und Unbewussten, von erotischem Begehren und der Gefahr des Sinnlichen.

Er denkt über die Parallelen von deutschem Stummfilm und japanischen Kabuki-Theater nach. Fragt sich, warum Arthur Schnitzler dem japanischen Gemüt entspricht, während August Strindberg ihn völlig kalt lässt. Schreibt über die unterschiedliche Verwendung des Schattens in der westlichen und fernöstlichen Malerei: nachzulesen in drei kleinen Essay-Bänden, die der Manesse Verlag mit leider viel zu geringer Resonanz zum 125. Geburtstag des Autors 2011 herausgebracht hat.

Aber das kann sich ja jetzt ändern, denn die Neuausgabe von "Der Schlüssel" könnte zum Türöffner zur späten Entdeckung und Würdigung eines Autors werden, der ein Brückenbauer zwischen den Kulturen war und eine Gratwanderung zwischen bröckelnder Tradition und den Verlockungen der Moderne unternahm.

Ausgeklügelt und filigran

Diese Gratwanderung zeigt sich, indem Tanizaki in einer verklemmten Gesellschaft, in der man keinesfalls öffentlich über Sex, Erotik, Begehren, Sinnlichkeit sprechen würde, genau das auf fein ausgeklügelte, filigrane Weise literarisch macht.

Im Mittelpunkt steht ein seit vielen Jahren verheiratetes Ehepaar, er ist Mitte 50, sie Mitte 40, sie haben eine erwachsene Tochter, die dabei ist, sich von ihren Eltern abzunabeln und das Haus zu verlassen, auch weil sie es nicht mehr erträgt, was sich zwischen ihren Eltern abspielt, wie sich die beiden belauern und belügen und vor sexuellen Nöten und erotischem Begehren dabei sind, sich gegenseitig zugrunde zu richten.

Der Mann, der darunter leidet, dass er seine Frau noch nie nackt gesehen hat und mit ihr nicht offen über seine geheimsten erotischen Wünsche sprechen kann, beginnt ein Tagebuch zu schreiben. Darin notiert er seine sexuellen Sehnsüchte, beschreibt, dass er anfängt, sie betrunken zu machen, damit er sie – wenn sie scheinbar ohnmächtig und willenlos im Bett liegt – in ihrer nackten Schönheit fotografieren und mit ihr seine erotischen Spielchen spielen kann.

Überdies weidet er sich daran, die Fotos ausgerechnet von einem Hausfreund entwickeln und begutachten zu lassen, der eigentlich als zukünftiger Ehemann für die Tochter auserkoren ist, sich aber in die Frau des Hauses verliebt hat. Eifersucht zu schüren und eine Affäre herbeizureden, turnt den Mann ganz besonders an.

Gespräch über Bande

Die Ehefrau ahnt, was er da in sein Tagebuch schreibt und mit ihr nachts anstellt, aber ob sie den Schlüssel, den sie zu seinem Tagebuch-Versteck besitzt, auch tatsächlich nutzt, um darin zu lesen, verrät sie nicht.

Die Frau jedenfalls beginnt ebenfalls, ein Tagebuch zu schreiben, und zwar so, dass ihr Mann es mitbekommt und neugierig wird. Doch das, was sie notiert, was sie fühlt und denkt und sich wünscht, unterscheidet sich vollkommen von den Notizen ihres Mannes.

Beide nehmen das, was zwischen ihnen vorfällt – die peinlichen Alkoholexzesse, die nächtlichen Foto-Sitzungen und Sex-Ausschweifungen, die Eifersucht und die mögliche Affäre mit dem Hausfreund – vollkommen anders wahr. Beide hoffen aber – und das macht die Sache besonders spannend und pikant –, der Partner lese insgeheim im Tagebuch des anderen und verstehe so den anderen besser.

Was wir da lesen, ist also ein literarisches Gespräch zwischen zwei verklemmten Menschen, die nur über Bande und indirekt miteinander über Erotik reden können. Beide benutzen das Tagebuch also nicht nur, um sich über die eigenen Wünsche klar zu werden und mit sich selbst ins Reine zu kommen, sondern vor allem, um den anderen zu manipulieren: Was sie aufschreiben, ist gefilterte Wahrheit und oft auch reine Lüge.

Experiment – und Katastrophe

Ein solch verschlungenes Gespräch mithilfe von Tagebüchern und solch ein kompliziertes erotisches Experiment kann kaum ein gutes Ende finden. Aber ich werde nicht verraten, was genau sich abspielt und wie die kommunikative und erotische Katastrophe, die sich anbahnt, wirklich endet.

Nur so viel: beide verstricken sich in ein kaum noch zu entwirrendes Lügengespinst, beide erkranken seelisch und körperlich, und einer von beiden wird plötzlich sterben. Der Überlebende wird dann in seinem Tagebuch das Ganze noch einmal Revue passieren lassen, seine Notizen mit denen des anderen abgleichen, aufzeigen, wo der eine und wo der andere gelogen, wie der eine den anderen benutzt und manipuliert hat.

Doch das, was da als vermeintliche Wahrheit ans Tageslicht kommt, kann natürlich auch wieder eine gut getarnte Lüge sein. Was da in angeblich rückhaltloser Offenheit gebeichtet wird, kann dazu dienen, sich in einem besseren Licht dastehen zu lassen und einen Tagebuch-Voyeur – die neugierige Tochter, einen möglichen neuen Partner oder uns Leser – sanft einzuwickeln.

Die – von Tanizaki in einer grandiosen Mischung aus feierlichem Ernst und alltäglicher Einfachheit formulierten – Tagebücher sind also nicht der Schlüssel zum Verständnis der beiden Protagonisten, sondern ein Schlüssel zum Verständnis dafür, wie kompliziert und komplex Kommunikation sein kann und dass gute Literatur eine gut gebaute Falle ist, in der Fiktionen und Fakten zu neuen Wirklichkeiten verschmelzen.

Frank Dietschreit, kulturradio

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