Peter Longerich: "Wannseekonferenz. Der Weg zur 'Endlösung"; Montage: rbb
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Sachbuch - Peter Longerich: "Wannseekonferenz. Der Weg zur 'Endlösung'"

Bewertung:

Wirklich neue Erkenntnisse bietet Longerichs Buch nicht, wohl aber eine straffe Darstellung der wesentlichen Zusammenhänge.

"Volksmund" ist womöglich auch kein unschuldiges Wort mehr. Aber sei's drum: Im Volksmund gilt die Wannseekonferenz bis heute als der Startschuss zum Menschheitsverbrechen Holocaust. Indessen ist unter Fachleuten unbestritten, dass es nicht so war. Das groß­flächige Massenmorden hatte nämlich längst begonnen, etwa im "Generalgouvernement" und nach dem Angriff im Juni 1941 in den er­ober­ten Gebieten in der Sow­jetunion. Die Wannseekonferenz, eine Unheilsunter­re­dung von kaum an­derthalb Stunden, diente vor allem der Koordination auf der Arbeitsebene.

Hit­ler, Himm­ler, Göring, Goebbels: Keiner der ganz großen NS-Größen war dabei. Vielmehr hatte SS-Ober­grup­pen­führer Reinhard Heydrich, der Chef des Reichs­sicherheits­hauptamtes, 15 nach­geord­nete Per­sonen eingeladen: Vertreter der Besatzungsbehörden im Osten, diverser Ministerien, der Polizei und des Sicherheitsdienstes; unter ihnen auch Adolf Eichmann. Sie besprachen, wann, wo und wie 11 Mil­lionen Juden – das war die angestrebte Opfer-Zahl -, zu Tode kommen sollten. Der Darstel­lung von Peter Longerich folgend, lässt sich sagen: Mit der Wannseekonferenz bekommt der Juden­mord deut­liche organisatorische Konturen bis hinein in technische Einzelheiten, auch wenn später vieles wieder geändert wurde.

Kompetenz-Geran­gel

Longerich zeigt, dass es unter den Nazis durchaus umstritten war, wie man das welthistorische Tö­tungsvorhaben durchführen sollte. Es gab, keine Seltenheit im NS-Staat, erhebliches Kompetenz-Geran­gel, in diesem Fall zwischen dem ehrgeizigen Heydrich, der die Federführung an sich reißen wollte, und dem ab­we­senden Heinrich Himmler.

Heydrich plante, die Juden nach dem Ende des Krieges an die Ost­grenzen des Reiches – wo immer sie dann lägen - zu deportieren, und dort durch Zwangs­ar­beit, Hunger und direkte Tötung zu eliminieren. Himmler bevorzugte, das bereits begon­nene Mor­den unverzüglich und fabrikmäßig zu forcieren.

Longerichs Analyse der Konferenz ver­deutlicht, dass Heydrich in dem finsteren Wettbewerb der Menschen­schlächter de facto bereits in der De­fen­sive war. Nachdem er wenige Monate später bei einem Attentat getötet worden war, setzte sich Himmler vol­lends durch. Und das heißt: Die "End­lösung" wurde nicht etwa auf die Zeit nach dem Krieg ver­schoben, sie wurde umgekehrt ein wesentlicher Bestandteil des nationalsozialisti­schen Ras­sekriegs.

Lexikon-Eintrag-Stil

Im Zentrum von Longerichs Darstellung steht naturgemäß das sogenannten "Besprechungs­proto­koll", bei dem es sich nicht um eine wortwörtliche Steno-Mitschrift handelt. Von den ehemals 30 Exemplaren, verfasst von Eichmann, autorisiert von Heydrich, ist nicht mehr als eines erhalten. Oh­ne das 15-seitige Protokoll, das 1947 aufgetaucht ist, wüsste man fast nichts von der Konferenz. Longerich kommentiert das Dokument, das in seinem Buch Seite für Seite abgedruckt ist, so akri­bisch wie nüchtern, erklärt Hinter­gründe, stellt bisherige Interpretationen vor und belegt per Indi­zien­be­weis, dass Hitler der Kon­ferenz nicht etwa schon vorab die gewünschten Ergebnisse diktiert hatte. Alle Anwesenden werden näher vorgestellt.

Auch über die Folgen der Beratschlagung und über­haupt den weiteren Fortlauf der Vernichtung informiert Longericht – und präferiert dabei den Stil eines kompetenten Lexikon-Eintrags. Niemand wird bei diesem Thema grelles Lesevergnügen er­warten, und tatsächlich bemüht sich Longerich auch gar nicht um packende, gar mitreißende Dar­stellung. Sein Anliegen ist die kühle Wissensvermittlung. Das unendliche Grauen, für das die Kon­ferenz mitverantwortlich ist, dräut im Hintergrund - Longerich blendet es nie­mals auf. Das ist eine kon­sequente Entscheidung im Dienst der Konzentration auf die strukturellen und bürokratischen As­pekte.

Vermittelnde Position

Im Blick auf die immergrüne Frage, ob der Holocaust vor allem Hitlers intentionales Werk gewe­sen sei oder ob er sich aus der ständigen Verschärfung der Judenverfolgung entwickelt habe, nimmt Longerich eine ver­mit­telnde Position ein. Er referiert die von einigen Historikern bis heute ver­tre­tene Ansicht, Hitler und die NS-Führung hätte einen langfristigen Mordplan verfolgt oder zumin­dest im Zusammenhang mit dem Überfall der Sowjetunion entworfen. Die konkurrierende Meinung besagt, Hitlers willige Vollstrecker auf allen Ebenen des NS-Staates hätten ab 1941 einen regel­rechten Wettbewerb aus­getragen – wer findet die radikalste Lösung der Judenfrage.

Für Longerich lassen sich die gegen­sätz­lichen Annahmen integrieren. Er geht davon aus, dass es keine einzelne zentrale Entscheidung ge­geben ha­be, nach der Maxime: Jetzt packen wir's an. Vielmehr hätten Hitler und die NS-Füh­rungs­in­stanzen im Zusammenspiel mit unteren Ebenen des Machtapparats aus der "vagen" Absicht des Judenmords schrittweise das konkrete Mordprogramm entwickelt und in Gang gesetzt.

Eben diese all­mäh­liche Ver­fer­tigung des Plans im Laufe zunehmender Judenverfolgung lässt sich an der Wannseekonferenz schlaglichartig erhellen. Wirklich neue Erkenntnisse bietet Longerichs Buch nicht, wohl aber eine straffe Darstellung der wesentlichen Zusammenhänge. Dass Gastgeber Hey­drich glaubte, den geladenen Technokraten des Massenmords würde über der Erläuterung ihres Vor­habens keineswegs schlecht werden, belegt Longerich mit einem Satz, unter dessen unschein­barer Oberfläche das Erschütternde pulsiert: "Im Anschluss an die Besprechung war ein Frühstück vor­ge­sehen."

Arno Orzessek, kulturradio

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