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Sachbuch - William Shakespeare: "Die Fremden. Für mehr Mitgefühl"

Bewertung:

Ein um 1600 entstandener Text, der eindeutig von William Shakespeare stammt - was nicht bei allen anderen Dramen und Sonetten so ist, die dem englischen Autor zugeschrieben werden.

Auch 400 Jahre nach seinem Tod gibt uns William Shakespeare, der vielleicht bedeutendste Autor der Weltliteratur, noch immer Rätsel auf. Von seinem Leben wissen wir nicht viel, und es gibt nicht wenige Literaturwissenschaftler, die Zweifel anmelden, ob der aus einfachen Verhältnissen stammende Schauspieler und Lyriker, Dramaturg und Theaterbesitzer wirklich der Autor all dieser uns bis heute faszinierenden und verstörenden Dramen und Sonette ist.

Vielleicht kommen wir dem geheimnisvollen Schriftsteller jetzt ein Stückchen näher. Denn unter dem Titel "Die Fremden. Für mehr Mitgefühl" ist gerade im Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) ein Text erschienen, dessen Urheberschaft von Experten eindeutig verifiziert wurde: das um 1600 entstandene handschriftliche Zeugnis ist zweifellos von Shakespeare.

Das Manuskript musste immer wieder geändert werden

Der Text schlummerte nur, unbekannt war er nicht. Seit vielen Jahren wurden diese wenigen handschriftlichen Seiten von Bibliothek zu Bibliothek weiter gereicht und gut gehütet. Schon lange hatten Experten vermutet, gehofft, gewünscht, dass es sich wirklich um einen Text von Shakespeare handelt. Denn außer sechs Unterschriften, die Shakespeare unter verschiedene Verträge gesetzt hat, haben wir keine einzige authentische Quelle, keine Gedichte und keine Dramen, die wir eindeutig aufgrund der Handschrift Shakespeares zuordnen können.

Doch jetzt ist es der modernen Wissenschaft - mit computergestützten Methoden, komplizierten Textanalyse-Verfahren, stilistischen Vergleichen, handschriftlichen Expertisen usw. - endlich gelungen, diese eine Szene, die Shakespeare zu einem von einem Autoren-Kollektiv verfassten biografischen Stück über "Sir Thomas Morus" beigesteuert hat, zweifelsfrei Shakespeare zuzuordnen: Dass diese eine Szene (und das ganze Stück) so lange im Verborgenen blieb, hat auch damit zu tun, dass die elisabethanische Zensur immer wieder Änderungen am Manuskript verlangte und schließlich das Stück ganz aus dem Verkehr zog.

Politische Vorfälle, die unter den Teppich gekehrt werden sollten

Das Drama war der Zensur einfach politisch zu brisant: Thomas Morus, der berühmte Humanist, Philosoph, Politiker und Autor einer frühen kommunistischen Utopie, war längst in Ungnade gefallen und geköpft worden, er hatte - weil er im protestantisch dominierten England als Katholik die falsche Religion hatte und sich nur seinem Gott und nicht dem König verpflichtet fühlte - seine Ansichten mit dem Tod bezahlt. Das von fünf Autoren verfasste Theaterstück setzt dem umstrittenen Mann nicht nur ein literarisches Denkmal, es berührt auch - vor allem in der von Shakespeare geschrieben Szene - politische Vorfälle, die man lieber unter dem Teppich gekehrt sehen wollte: Denn Thomas Morus hatte 1517 - als "Untersheriff" von London - mit einer Rede ans Volk und seinem politischen Handeln erheblich dazu beigetragen, eine Rebellion der englischen Bevölkerung gegen die ins Land flutenden Fremden zu beenden.

Aus Frankreich und aus Flandern waren tausende politisch und religiöse Verfolgte nach England geflüchtet und trafen dort auf Hass und Neid, auf Vorurteile und Missgunst. 80 Jahre später, Morus war längst tot und Elisabeth an der Macht, gab es im Jahr 1595 erneut einen Aufstand gegen die Fremden, die den Einheimischen angeblich die Arbeit wegnahmen und vom Staat angeblich gehätschelt wurden: weil auch diese erneute Rebellion die Gott gewollte Ordnung infrage stellte und der Anarchie Tür und Tor öffnete, wurde sie postwendend gewaltsam niedergeschlagen. In dieser Situation ein Stück über Morus und die fremdenfeindlichen Exzesse auf die Bühne zu bringen: das musste die Zensur unbedingt verhindern.

Thomas Morus argumentiert gegen Fremdenfeindlichkeit

Die von Shakespeare verfasste Szene geht so: Der Mob hat sich auf der Straße formiert und lauscht - als wären wir bei einer Pegida-Demo in Dresden - den demagogischen Reden ihrer fremdenfeindlichen Anführer. Da ergreift Thomas Morus das Wort, hält eine bewegende Rede, zückt alle rhetorischen Register und macht den Menschen klar, dass ihre Rebellion nicht nur gegen Gott und Vaterland, sondern auch gegen ihre eigenen Interessen verstößt: Denn wenn ihr Aufstand gelingt, könnte das Land im Chaos versinken und leichte Beute von ausländischen Feinden - also Fremden - werden; und wenn ihr Aufstand misslingt und sie - um nicht verhaftet und hingerichtet zu werden - gezwungen sind, ins Ausland zu fliehen, möchten sie doch dort - als Fremde - bestimmt nicht mit Hass und Neid empfangen, nicht wie Hunde mit Füßen getreten oder gar massakriert, sondern gut aufgenommen werden und ein sicheres Leben führen können.

Mit rhetorischer Raffinesse träufelt er ihnen die "Goldene Regel" ein, die in allen Kulturen gilt und die wir als Kindervers gut kennen: "Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu". Im schönsten Shakespeare-Englisch rufen die von Morus ins moralische Mark getroffenen Bürger: "Faith,´a says true. Let´s do as we may be done by", von Frank Günther übersetzt: "Ja, Herrgott, er hat recht. Handeln wir, wie wir an uns gehandelt sehn wollen." Also legen sie - geläutert - die Waffen nieder und ergeben sich der Staatsmacht, wohl wissend, dass einige von ihnen für die fremdenfeindliche Rebellion ins Gefängnis oder gar an den Galgen kommen.

"Was du nicht willst, das man dir tu..."

Die Parallelen zwischen den fremdenfeindlichen Exzessen von einst und den brennenden Flüchtlingsheimen von heute liegen auf der Hand: Einige Medien haben denn auch schon Shakespeare als Verfechter einer humanitären Flüchtlingspolitik reklamiert: "Shakespeare reicht´s mit der Flüchtlingshetze", schrieb jemand, und ein anderer meinte: "Hört auf den englischen Barden!". Doch Vorsicht: Man darf nicht den Kurzschluss begehen und die Worte und Handlungen einer Theater-Figur mit den Ansichten des Autors verwechseln.

Shakespeare ist ja auch kein introvertierter Grübler wie sein Hamlet und kein gemeiner Mörder wie sein Macbeth: Literatur und Leben, Erfindung und Wirklichkeit sind nicht identisch. Außerdem kann man bei genauer Lektüre auch spüren, dass es Morus nicht wirklich um das Schicksal der Fremden geht, sondern ums politische Prinzip: Eine Rebellion gegen die von Gott gewollte Monarchie darf nicht sein, und jeder Mensch, egal ob König oder Bürger, soll Empathie für den Anderen, auch für den Fremdem empfinden, soll zum moralischen Imperativ seines Handelns die "Goldene Regel" machen: "Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu".

Frank Dietschreit, kulturradio

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