Amir Baitar, Henning Sußebach: Unter einem Dach; Montage: rbb
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Sachbuch - Amir Baitar, Henning Sußebach: "Unter einem Dach"

Bewertung:

Eine Familie, ein Flüchtling und der feste Wille, es zu schaffen: Ein Deutscher und ein Syrer beschreiben mitreißend die Hürden gelebter Willkommenskultur

"Das hier würde etwas anderes werden als die Aufnahme eines Gastschülers aus England oder Frankreich" – schreibt Henning Sußebach, als im Herbst 2015 der 24-jährige syrische Flüchtling Amir Baitar bei ihm und seiner Familie einzieht. Und so war es auch. Der Bericht "Unter einem Dach" beschreibt gelebte Willkommenskultur und ist damit eines der wichtigsten Bücher des Jahres 2016. Weil hier eine wirkliche Begegnung stattfindet und unverklärt von den Schwierigkeiten berichtet wird, wenn man das tut, was wir alle viel mehr tun müssten: uns tatsächlich auseinandersetzen

Syrien brennt und hier rascheln Müllsäcke

Angela Merkels berühmter Satz "Wir schaffen das" hatte die Familie Sußebach berührt, sie spürten, dass sie selbst gemeint waren. Also nahmen sie Amir Baitar auf - einen Flüchtling von einer Million. Amir Baitar heißt in Wirklichkeit anders, zum Schutz seiner Familie, die größtenteils noch in Syrien lebt, wurde sein Name für das Buch geändert. Er wurde 1991 geboren und wuchs in einem Dorf am Euphrat auf, 2015 kam er, auf der Flucht vor dem IS, nach Deutschland. Er wollte dort sein Studium der Mathematik und Informatik fortzusetzen. Die Sußebachs räumten das Arbeitszimmer im Erdgeschoß ihres Hauses in Ahrensburg bei Hamburg leer - das erste Missverständnis: denn Baitar kam mit nur einer Reisetasche.

Dramaturgisch folgt das Buch einer einfachen, aber bestechenden Idee: Abwechselnd berichten Henning und Amir über die Phasen des Kennenlernens, die Annäherung, die Fremdheit, die Missverständnisse. Da sind erst einmal ganz praktische Banalitäten, die Mülltrennung zum Beispiel. "Syrien brannte", schreibt Sußebach, "und wir raschelten mit gelben Säcken vor ihm rum". Baitar ist gläubiger Muslim, das Haus der Sußebachs vermass er zuerst einmal mit seiner Mekka-App, fünf Mal am Tag die Gebete, die rituellen Waschungen, nach denen das kleine Bad pitschnass war. Der Alltag eines gläubigen Muslims eckt an im Alltag einer christlich geprägten, aber nicht religiös praktizierenden Familie. Baitar trinkt zum Beispiel nicht aus Gläsern, in denen einmal Alkohol gewesen sein könnte, was dazu führt, dass er nur noch aus einem roten Plastikbecher trinkt, einem Werbegeschenk der Hamburger Sparkasse.

Fünf mal drei Meter Deutschland

Vieles ist ernüchternd. Die Unterschiede sind groß. "War es respektlos gegenüber Amir, seine Art der Religionsausübung allzu tradiert zu finden?" schreibt Sußebach an einer Stelle, "oder war Amir respektlos gegenüber uns und unserer Gastfreundschaft, wenn er schon wegen unserer Gläser mäkelte?" Es gibt Phasen, in denen viel geschwiegen wird, zum Beispiel nach den Übergriffen in Köln in der Silvesternacht 2015/2016. Baitar zieht sich danach zurück, vermeidet es, mit der Tochter allein in einem Zimmer zu sein, sieht im Bus den Leuten nicht in die Augen. Sobald die Sußebachs und ihr Gast es aber schaffen, ironisch über die Dinge zu sprechen, ist schon eine große Hürde genommen.

Wer die Reportagen Sußebachs aus der Zeit kennt, weiß von seiner großen Begabung, komplizierte Umstände in pointierte Worte zu fassen. Das Zimmer, in das Baitar einzieht, beschreibt Sußebach als "fünf mal drei Meter Deutschland". Aber auch die Passagen von Baitar nehmen den Leser buchstäblich mit – weil man sich einfühlen kann in einen jungen muslimischen Mann, der sich eine neue Welt erschließt

Diese Freiheit, Dinge zu hinterfragen

Am Ende haben sich alle verändert. Die Familie hat viel nachgedacht, über Angewohnheiten, Erziehung, Glauben, das Geschlechterverhältnis. Und Baitar öffnet sich dem neuen Wertegerüst – er trinkt nun auch aus Gläsern, in denen Alkohol gewesen sein könnte, er gibt Frauen die Hand. In einer Passage schreibt er über die Freiheit, die er in diesem Deutschland spüre, die Möglichkeit, Dinge zu hinterfragen, und über den festen Willen, das Gelernte mitzunehmen, wenn er jemals nach Syrien zurückkehren sollte.

Amir Baitar lebt mittlerweile in einer eigenen Wohnung, er und die Sußebachs sind aber weiterhin in Kontakt. Ein Buch, das gleichzeitig ernüchtert und optimistisch stimmt. Integration heißt, dass sich beide Seiten ändern. Und Integration heißt vor allem erst einmal, dass man sich überhaupt  begegnet, dass man zusammen lebt. Am besten unter einem Dach.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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