Christa Wolf: Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten; Montage: rbb
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Biografie - Christa Wolf: "Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952-2011"

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Christa Wolf war lebenslang eine unermüdliche Briefeschreiberin. Die Herausgeberin Sabine Wolf hat knapp 500 Briefe ausgewählt, die sich zu einer aufschlussreichen Autobiografie in Briefen fügen.

Auch wenn ihre Tage bis zum Rand gefüllt waren - mit der Arbeit an ihrem literarischen Werk, mit Familienangelegenheiten, mit ihrem Engagement im Schriftstellerverband von 1955 bis 1977, mit ihrem Einsatz für junge Autoren und mit vielerlei anderen Aktivitäten (so war sie ja auch noch von 1963 bis 1967 Kandidatin des ZK der SED) – fand Christa Wolf die Zeit, an Freunde und Kollegen ausführliche Briefe zu schreiben.

Mittel der Selbstbefragung

Mehr als 15.000 Briefe sind dabei entstanden, die jetzt im Christa-Wolf-Archiv der Berliner Akademie der Künste lagern. Aus dem Konvolut hat die Herausgeberin Sabine Wolf 483 Briefe ausgewählt, die sich in einer sorgfältig komponierten und zuverlässig kommentierten Ausgabe zu einer aufschlussreichen Autobiografie in Briefen fügen.

Mit den Briefen, die weit mehr als ein halbes Jahrhundert umfassen, der erste stammt von 1952 und der letzte von 2011, erhalten wir ein facettenreiches und tiefenscharfes Bild der Autorin in all ihren Widersprüchen.

Sie dienen als Mittel, Freundschaften zu begründen und zu festigen und ein einmal begonnenes Gespräch nicht abreißen zu lassen. In erster Linie fungieren sie aber als Mittel der Selbstbefragung, in das das briefliche Gegenüber einbezogen wird. Beinahe jedem Brief ist die Frage eingeschrieben: Warum ist das so, warum habe ich mich so verhalten und nicht anders, was heißt das, wie stehe ich zu diesem Thema?

Ihre Meinungen und Haltungen sind von einer strikten protestantisch geprägten Ethik der Wahrheitsfindung geprägt, die sie von sich selbst fordert – und mit der sie sich auch immer wieder überfordert. Wie sie selbst erkennt, wenn sie 1978 an Günter de Bruyn schreibt, dass es ihr mit Hilfe ihres "lässigeren" Mannes Gerhard gelungen sei, "mein überscharfes Über-Ich" zu entschärfen und hinzufügt: "Mir scheint, die Operation ist gelungen, hoffentlich nicht zu gut: Denn aus der Spannung schreib ich ja."

Christa Wolf startet durch

Ganz am Anfang sind Reibung und Spannung am geringsten: Die 23-jährige überzeugte Genossin Christa Wolf, die noch studiert und gerade Mutter ihrer ersten Tochter Annette geworden ist, schreibt an die "werten Genossen" des "Neuen Deutschland" und schickt ihnen ("angeregt durch Eure wiederholten Forderungen nach einer gründlichen Kritik unserer zeitgenössischen Literatur"), eine Besprechung, die prompt gedruckt wird und dazu führt, dass das kritisierte Buch des Autors Emil Rudolf Greulich nicht – wie geplant – als Fortsetzungsroman abgedruckt wird.

Und die junge, durchaus forsche Christa Wolf startet durch: macht im Sommer 1952 ein Praktikum im Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar, wendet sich an den Minister für Kultur, Johannes R. Becher, und fragt an, ob er ihr Auskunft geben kann für ihre Staatsexamensarbeit über Hans Fallada und wird (immer noch im selben Jahr) Außenlektorin im Deutschen Schriftstellerverband.

Schon bald arbeitet sie im Verband als "Mitglied der Auftragskommission" und bittet 1954 den renommierten Lyriker Georg Maurer, seine Reise in die Tschechoslowakei gegen ein gutes Honorar "irgendwie literarisch auszuwerten". Im Jahr 1957 geht's dann bereits als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes nach Moskau.

Der heiße Kern dieses Buches

Alles deutet da auf eine solide Funktionärskarriere hin, doch dann geht Christa Wolf das Wagnis des literarischen Schreibens ein, und spätestens mit ihrem Roman "Der geteilte Himmel" (1963) wird sie nolens volens zu der repräsentativen Schriftstellerin im Osten wie im Westen Deutschlands.

Die "Spannung", die sie sucht und unter der sie leidet, existiert nun und wird sie ihr Leben lang nicht mehr verlassen. Rund um die Frage, was die DDR denn sei, wie sich in ihr leben lasse und: immer dringlicher, ob sich überhaupt in ihr leben lasse, bildet sich der heiße Kern dieses Buches.

Christa Wolf, die ungehindert ins westliche Ausland reisen kann, wovon sie auch regelmäßig Gebrauch macht, kommt von der DDR nicht los. Gerade deshalb legt sie Widerspruch ein, wenn sie der Meinung ist, Fehlentwicklungen ansprechen zu müssen: Beeindruckend ihr Mut, als sie 1965 auf dem 11. Plenum des ZK der SED (dem legendären "Kahlschlag-Plenum") gegen die Parteidogmatiker spricht.

Und so macht sie weiter: Setzt sich für Schüler ein, die in ihrer Schule eine Wandzeitung gegen den Einmarsch der Sowjettruppen gefertigt haben, unterschreibt die Petition gegen Biermanns Ausbürgerung, ermutigt in einem Brief Lutz Rathenow, bittet für Jürgen Fuchs und für die Liedermacher Gerulf Pannach und Christian Kunert, legt sich mit Hermann Kant an, tritt aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes aus, schreibt an Erich Honecker – und kann von der DDR nicht lassen.

Glaube an das bessere Deutschland

Es ist schwer, die Gründe für diese Treue wider besseres Wissen zu erfassen. In einem Brief an Lew Kopelew 1977 nach der Biermann-Ausbürgerung scheint ihr immer wieder ins Irrationale spielende Glaube an das bessere Deutschland in Gestalt der DDR besonders deutlich auf:

"Für die nächste Zeit sind unsere Prognosen nicht sehr heiter. Jemand sagte uns neulich, man müsse eine Utopie haben, auch wenn man sie selbst nicht erleben, auch wenn niemals jemand sie erleben werde: Es sei die einzige Lebensmöglichkeit, die einzige auch, die das schlimmste verhindern könne. Das finde ich auch, schon lange… In diesem Sinne geht es uns gut."

In diesem Briefausschnitt spiegelt sich idealtypisch das Drama des guten Willens, das Christa Wolf für sich inszeniert, unter dem sie leidet und das ihr, so seltsam das klingen mag, Kraft gibt. Selbst als sie ihre Briefe in West-Berlin einwirft, weil sie sie der allgegenwärtigen Zensur entziehen will, bleibt die DDR weiterhin der Referenzpunkt für ihr Leben und Schreiben.

Als viele Schriftsteller Ende der Siebzigerjahre die DDR verlassen, klagt sie zwar einerseits in einem Brief an die ausgereiste Sarah Kirsch: "Es wird so leer, man fängt an zu frieren." Dann fragt sie sie aber andererseits: "Wie arbeitet man ohne die gewohnte Reibung?"

Die Ambivalenz ihres Lebens

Christa Wolf erhält sich die Reibung, was durchaus auch etwas Masochistisches hat. In einem Brief an Günter Kunert 1978 konstatiert sie: "Selbstvernichtung als Linderung ist mir sehr vertraut" – und fährt wenige Zeilen später fort: "'innere Freiheit', bei mir unendlich mühsam errungenes Produkt, abgerungen überstarken inneren Bindungen", und wieder ein paar Zeilen weiter: "Man kann sich nicht vornehmen, was man nicht kann, ohne zugrunde zu gehen."

Diese unendliche Ambivalenz ihres Lebens, sich ständig zwischen ihrem guten Willen und ihrem kritischen Geist bewegen zu müssen, macht ihr das Leben schwer. Vieles blendet sie, zumindest in den Briefen, aus: Der 17. Juni 1953, der Mauerbau 1961, die Besetzung der Tschechoslowakei 1968 durch die Sowjets wird mit den Briefpartnern gar nicht oder nur sehr am Rande besprochen.

Hier mag allerdings die Angst vor der Kontrolle der Briefe eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls führt der für sie nicht auflösbare Widerspruch ihres Lebens immer wieder zu schweren Depressionen und heftigen psychosomatischen Störungen, die sie mühsam überwindet.

In der Familie aufgehoben

Eine Hilfe sind ihr ihre Freunde, denen sie selbst Hilfe sein will. Ihre Bereitschaft, sich ansprechen zu lassen, ihr Wille, für andere da zu sein, sind beeindruckend. Gelegentlich klagt sie: "Manche benutzen mich als Papierkorb", doch dann fordert sie in einem Brief an Fred Wander: "Gebundenheit an die alte jüdisch-christliche Moral von der Selbstverantwortung des Menschen für das, was er denkt, tut und unterlässt – eine Moral". Wie die gelebt werden soll, in einem Land, das sich einmauert und seine Bewohner kujoniert, bleibt offen.

An Günter Grass schreibt Christa Wolf nach dem Fall der Mauer 1993: "Ich habe dieses Land geliebt". Und an Adolf Dresen 2001: "Warum ging ich nicht weg? Weil ich in der Bundesrepublik nie den Hauch einer utopischen Gesellschaftsentwicklung gesehen habe."

Der Wunsch, trotz aller schlechter Erfahrungen an dem Utopiegedanken unbedingt festzuhalten, bedeutet für Christa Wolf eine ständige Selbstüberforderung, der sie nur standhalten kann, weil sie sich in der Familie aufgehoben fühlt, von ihrem Mann Gerhard treu unterstützt wird – und weil's die Bauernkate auf dem flachen mecklenburgischen Land gibt, wo sie Ruhe findet.

Ihre immer wiederkehrenden Beschreibungen der Landschaft, des Lichts und der Begegnungen mit Freunden zählen zum Schönsten dieser Briefsammlung, die vor allem in den Beispielen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren am intensivsten wirkt.

Am Ende bewundert man widerstrebend die Willenskraft, ja: auch die Starrköpfigkeit, mit der Christa Wolf gegen das eigene bessere Wissen an ihrem Lebensentwurf festgehalten hat. Einen Menschen in seinem Widerspruch anhand seiner Briefe so genau kennenzulernen, das wird es nach dem Niedergang und dem Ende der Briefkultur nicht mehr geben.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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