George Sand: Ein Winter auf Mallorca; Montage: rbb
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1838 reist die gefeierte Schriftstellerin George Sand zusammen mit Frédéric Chopin und ihren beiden Kindern nach Mallorca. Nach dem enthusiastischen Beginn der Reise folgt die Ernüchterung.

Wenn der Winter Einzug hält in unseren Breiten, wird die Sehnsucht nach der Wärme des Südens besonders groß. Die Mittelmeer-Insel Mallorca ist für viele Menschen inzwischen zu einem bevorzugten Winter-Quartier geworden. Dabei wandeln sie, oft ohne es zu wissen, auf den Spuren der französischen Schriftstellerin Aurore Dudevant, geborene Dupin, besser bekannt unter den Namen George Sand.

Zusammen mit ihrem Geliebten, dem polnisch-französischen Pianisten und Komponisten Fredéric Chopin, reist sie im November 1838 von Paris nach Mallorca. Über ihre Erlebnisse und Erfahrungen auf dieser – gelinde gesagt: seltsamen – Exkursion schreibt George Sand 1842 eine Reisereportage, die zu einem Klassiker ihres Genres werden sollte: "Ein Winter auf Mallorca". Im Deutschen Taschenbuch Verlag ist jetzt eine Neuübersetzung dieser Winterreise erschienen.

Es ist nicht allein die Sehnsucht nach dem Süden und der Wärme, die George Sand dazu bewogen hat, zusammen mit Chopin einen Winter auf Mallorca zu verbringen. Vielmehr ist es eine Melange aus romantischer Sehnsucht nach Arkadien, gemischt mit der Hoffnung, dass sowohl ihr an Rheumatismus leidender Sohn, als auch ihr an einer ungeklärten Lungenkrankheit – die sich dann später als Schwindsucht herausstellte – leidender Geliebter im milden Klima Mallorcas Heilung finden könnten.

Dazu kam der Wunsch, dem Trubel der Pariser Salons zu entfliehen und sich in Ruhe und Abgeschiedenheit auf die Kunst konzentrieren und neue Werke schaffen zu können. Aurore Dudevant hatte in Paris für Aufsehen gesorgt, weil sie sich einen männlichen Künstlernamen zugelegt hatte, sich maskulin kleidete, einen Zylinder trug und Zigarren rauchte, sich scheiden ließ, ein emanzipiertes Leben führte, die Muse vieler berühmter Künstler wurde – Dumas, Balzac, Delacroix, Liszt und eben auch: Chopin – und ein opulentes Werk von weit über 100 Büchern verfasste.

Abstand vom Pariser Kunstzirkus gewinnen, in Ruhe schreiben, komponieren, gesunden, das war die Absicht, und eigentlich wollte die vierköpfige Reisegruppe – George Sand und ihre Kinder Maurice und Solange sowie Chopin – mehrere Jahre auf Mallorca bleiben. Doch daraus wurde dann doch nur ein kurzer Winter. Nach nur vier Monaten nahm die Reisegruppe Reißaus und setzte mit dem ersten Frühjahrsschiff von der abgeschiedenen Insel nach Barcelona über. Die Reise war ein großes Missverständnis, ein Reinfall, ein Ärgernis.

Das Ungemach beginnt bereits bei der Ankunft. Es gibt keine Hotels oder Herbergen für Reisende: Wer kein Empfehlungsschreiben vorweisen kann, bekommt auf der Insel kein Quartier. Nur mühsam gelingt es der Gruppe, eine Unterkunft zu mieten. Schnell wird klar: Fremde sind hier nicht erwünscht, und ein in wilder Ehe lebendes Paar schon gar nicht.

Die Mallorquiner übervorteilen die Reisenden, verkaufen ihnen die Nahrungsmittel zu Wucherpreisen. Auch die Versuche, mit den Mallorquinern ins Gespräch zu kommen, scheitern regelmäßig. George Sand ist entsetzt über die intellektuelle Ödnis, nirgendwo gibt es kulturelle Anregungen, in den Häusern des Adels gibt es keine Bücher und keine Musikinstrumente, das einfache Volk ist lethargisch, verdingt sich entweder als Angestellte des Adels oder führt ein perspektivloses Leben als arme Bauern.

Nichts funktioniert, die Infrastruktur ist marode, die landwirtschaftlichen Erträge sind minimal, überall nur Ignoranz und Aberglaube, Fremdenfeindlichkeit, ökonomische Stagnation und kulturelles Elend. Dazu gibt es sintflutartige Regenfälle und eine bittere Kälte, die der Stimmung und der Gesundheit Chopins nicht zuträglich ist. Dass es George Sand trotz aller Widrigkeiten gelingt, tagtäglich ihre Kinder zu unterrichten, einen Roman zu schreiben und den im Fieberwahn halluzinierenden Chopin zum Komponieren zu bewegen, mutet fast wie ein Wunder an.

Trotz allem ist es keine bitterböse Abrechnung mit der Insel und ihren Bewohnern und keine Warnung an alle Reisenden, Mallorca zu meiden. Genau darin liegt die große literarische Leistung von George Sand, die ein faszinierendes Buch geschrieben hat, das alles Mögliche ist: Reisebericht und Kultursatire, Gesellschaftskritik und philosophische Reflexion, Naturhymne und Liebeserklärung.

Sie beschreibt mit wissenschaftlicher Akribie die Städte, Dörfer und Kirchen, die Sitten und Gebräuche, die Kleidung und Tänze, die Besitz- und Arbeitsverhältnisse. Sie ist über vieles entsetzt, aber sofort begeistert, wenn die Sonne sich mal zeigt, sie Ausflüge macht und eine Natur von göttlicher Schönheit findet. Sie empfiehlt die Insel allen Malern als schönsten, wildesten und noch zu entdeckenden Unort der Welt.

Und sie entwirft eine fiktive Szene: In einer Kirchenruine treffen ein junger Maler und ein greiser Mönch aufeinander und debattieren über Kunst und Religion, politisches Engagement und die Verbrechen der Kirche, Eremitentum und Gemeinschaftsleben. Und da wird klar: Diese missglückte Winterreise hat George Sand dazu gebracht, ihren romantischen Einsiedlerträumen abzuschwören und sich als soziales Wesen mit einer politischen Verantwortung zu definieren.

Das von Hermann Lindner neu übersetzte und herausgegebene Buch zeichnet sich durch Vollständigkeit und Behutsamkeit aus. Erstmals seit vielen Jahren haben wir jetzt wieder das Buch in seiner Gänze in der Hand, mit allen wissenschaftlichen Anmerkungen und mit allen Bildern, Zeichnungen und Wappen, die George Sand dem Buch beigefügt hat.

Außerdem findet der Übersetzer eine Balance zwischen leicht modernisierter Sprache und historischer Genauigkeit: Wenn George Sand spanische Begriffe benutzt, um ihre Kenntnis mallorquinischer Kultur unter Beweis zu stellen, wird das Spanische nicht eingedeutscht, und wenn von Reisenden erzählt wird, sind es bei Hermann Lindner auch Reisende und keine Touristen, wie in den meisten neueren Übersetzungen. Touristen und eine touristische Industrie gab es damals noch nicht.

Und weil George Sand in ihrem Reisebuch sehr dezent ist, Privates kaum preisgibt und der Name Chopin kein einziges Mal fällt, sondern der Mitreisende nur als "unser Patient" und "der Andere" firmiert, schenkt uns der Herausgeber eine kleine Passage aus der Autobiografie von George Sand, in der sie die Mallorca-Episode und ihr Verhältnis zu Chopin ganz ungeschminkt schildert: eine schöne und lesenswerte Zugabe.

Frank Dietschreit, kulturradio

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