Gisela von Wysocki: "Wiesengrund"; Montage: rbb

Roman - Gisela von Wysocki: "Wiesengrund"

Bewertung:

Gisela von Wysocki erzählt auf heitere, geschliffene und aparte Weise von der aufregenden Welt des Denkens.

Gisela von Wysocki, Jahrgang 1940, ist gelernte Musik- und Theaterwissenschaftlerin und pendelt zwischen Literatur und Kulturwissenschaft, Musik, Theater, Film und Belletristik. Von ihr liegt ein großes und vielseitiges essayistisches Werk vor, sie hat Theaterstücke und Hörspiele geschrieben und viel über Künstlerinnen der Moderne gearbeitet ("Die Fröste der Freiheit"). 2010 hat sie einen stark autobiografisch inspirierten Roman vorgelegt: "Wir machen Musik. Die Geschichte einer Suggestion".

Ein Hör-Erlebnis erschließt die Welt

Es war ein anmutiger Bildungs- und Entwicklungsroman und die Geschichte einer Faszination – der Faszination eines Kindes von seinem zauberhaften Vater und von dessen magischer Welt, der Welt der Schallplatten. In gewisser Weise lässt sich Wysockis neuer Roman "Wiesengrund" thematisch als Variation zum früheren Roman deuten. Auch hier ein Bildungsroman; auch hier geht es um die Faszination einer Heranwachsenden von einer zauberhaften Vaterfigur und dessen magischer Welt, hier der Welt des Denkens, die auch hier zunächst akustisch vermittelt wird – nicht durch Schallplatten, sondern durchs Radio. Es geht also wiederum zunächst um ein Hör-Erlebnis, ein akustisches Phänomen, das der jungen Heldin und Ich-Erzählerin des Romans die Welt erschließt.

Faszination in immer wieder neuen Erzähl-Ansätzen

Diese Vaterfigur heißt im Roman Wiesengrund und ist unschwer als Theodor W. Adorno zu entschlüsseln, der bedeutendste Philosoph und öffentliche Universal-Intellektuelle Nachkriegs-Deutschlands, zu dessen Vorträgen ganz Frankfurt strömte. Gisela von Wysocki hat bei Adorno in Frankfurt Philosophie studiert, war Hörerin seiner berühmten Vorlesungen. Das muss eine grundstürzende Erfahrung gewesen sein. Nun, Jahrzehnte nach dem Tod dieses charismatischen Denkers und Redners, der zugleich Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker, Komponist und Literaturkritiker war, sucht die Autorin in ihrem elegant geschriebenen Roman "Wiesengrund" das Faszinosum Adorno und seine überwältigende Wirkung in Worte zu fassen, in immer wieder neuen Erzähl-Ansätzen.

Die Vehemenz und Explosivität von Adornos Denken

Fassbar wird das Unerhörte dieses Philosophierens auf dem fragilen Fundament der von den NS-Untaten versehrten Nachkriegszeit. Begreifbar wird die Vehemenz und Explosivität von Adornos Denken. Mit seinen rabiaten Verknüpfungen und waghalsigen Assoziationen, den Sprüngen und Sturzbewegungen seiner verwickelten Gedanken lässt er alle Gewissheiten umkippen und stürzt alle vertrauten Weltbilder um. Dieser ruhelose Denker hat Kant, Hegel und Fichte gestürzt und außer Kraft gesetzt – ein strapaziöser Meister und abenteuerlicher Gedankenarbeiter, den Wysocki nun im Nachhinein in Literatur und durch Literatur einzuholen sucht.

Atemberaubende Wirkung einer Radiostimme

Die Roman-Erzählerin Hanna Werbezirk, eine Salzburger Gymnasiastin, begegnet Wiesengrund zuerst als Radiostimme. Nachts hört sie unter der Bettdecke, sozusagen undercover, seine Vorträge im Nachtstudio von Radio Wien. Augenblicklich verfällt sie dieser betörenden Stimme und dem Unerhörten, das sie zu sagen hat. Die Wirkung ist atemberaubend und macht sie zunächst sprachlos, zumal sie nur wenig versteht. Im Grunde sind es zunächst nur einzelne Sätze und Wendungen, die Hanna elektrisieren, vor allem Wiesengrunds Rede von der "Vereinsamung des Subjekts in der spätbürgerlichen Phase". Von dieser Formulierung fühlt sich das junge Mädchen ganz persönlich angesprochen.

Hanna beginnt, Wiesengrunds Schriften zu lesen, sie erfährt, dass er in Frankfurt als Professor für Philosophie und Soziologie lehrt. Ein Frankfurter Student schwärmt ihr von seinen Vorlesungen vor. Das seien faszinierende, frei formulierte Vorträge, allenfalls gestützt auf ein paar handschriftliche Notizen. Er sagt: "Wiesengrunds Vorlesungen. Sensationell. Jeder will dabei sein. Ich auch. Und keiner versteht etwas, ich auch nicht."

Hanna schreibt an Wiesengrunds Frankfurter Institut für Sozialforschung und bittet ihn um das Manuskript eines Proust-Vortrags, den er in Radio Wien gehalten hat. Und sie entschließt sich, bei ihm in Frankfurt zu studieren. Sie führt das typische Studentenleben in einem Untermietzimmer. Unter ihren Kommilitonen sind manche schräge Vögel. Und sie kommt am Rande mit den beginnenden Studenten-Unruhen in Berührung, hält dazu allerdings kritische Distanz.

Grenzenlose Bewunderung

Sie sitzt in Wiesengrunds Vorlesungen, sie besucht seine Sprechstunde, sie wird von ihm einmal auf eine Tasse Schokolade auf der Terrasse des Frankfurter Hofs eingeladen, darf ihn auch mal zu einem Abendessen mit seinem französischen Verleger begleiten, einmal sogar in eine Zoohandlung (eine besonders skurrile Episode). Und sie trotzt am Ende ihrem Vater die Erlaubnis ab, weiter bei Wiesengrund zu studieren, obwohl der Vater sie eigentlich lieber nach Österreich zurückholen möchte. Viel mehr passiert nicht.

Das eigentliche Thema ist Hannas Faszination. Wiesengrund ist ihr Faszinosum, ihr Stern. Hannas Vater, ein Astronom und Astrophysiker, hat den ganzen Sternenhimmel zu seiner Verfügung. An Hannas Himmel hingegen gibt es nur diesen einen Stern. Sie sagt: "Ich bin ein nach Worten ringender Trabant, der einen Stern umkreist". Sie beschreibt Wiesengrund wie ein Fabelwesen. Ein von ihr selbst erzeugtes Fabelwesen. "Dieser von meinem Blick gemeißelte und ins Leben gerufene Titan." Es ist der bewundernde Blick, der ihn übermenschlich vergrößert. Seine menschlichen Schwächen und komischen Seiten werden nur ganz zart angedeutet.

Höhenrausch durch Ideenhochdruck

Hanna ringt ums Begreifen von Wiesengrunds Denkbewegungen: "Ich horche auf den Tumult der Demontagen. Auf das Ausschwärmen der freigesetzten Motive und darauf, wie sie von Wiesengrund nach dem Fall von Europa neuartig instrumentiert und thematisch durchgeführt werden. Ich versuche, der polyphonen Power seines Denkens zu folgen."

Die Autorin beschreibt die Musikalität dieses Denkens, verschweigt jedoch nicht seine polarisierenden Wirkungen. Sie schreibt, es gab den Zug der sprachlos Beeindruckten. Es gab die Gleichgültigen. Und es gab den beredten Nachwuchs der Kritikfähigen. Wiesengrunds Rede macht sie atemlos und benommen. Er bringt die Dinge in Schräglage, sein Ideenhochdruck erzeugt bei seiner Hörerin, eigentlich: Lauscherin, einen Höhenrausch.

Eine possenhafte, fast peinlich komische Szene spielt in der Beengung eines Lifts in der Universität. Umringt von vielen Liftfahrern stellt Wiesengrund seiner Studentin Hanna die naive Frage, warum es in seinen Seminaren so wenige Wortmeldungen gebe. Die Frage macht sie sprachlos. Sie sieht sich außerstande, darauf spontan zu antworten. In einem inneren Monolog formuliert Hanna alles das, was sie ihm nicht direkt sagen kann – dass sie (wie die anderen Studenten auch) sich "von einem vernünftigen Disput äonenweit entfernt fühle". Habe der Professor je darüber nachgedacht, "welche Bürde er seinen Zuhörern auf die Schultern lädt. Wie sehr sie sich bemühen müssen, um vor den weitreichenden Eigentümlichkeiten seines Denkens zu bestehen. Wie sehr ihm auch jetzt jedes Gefühl dafür abgeht, welches Tohuwabohu er mit seiner Frage angerichtet hat".

Sibylle Lewitscharoff hat vor einigen Jahren in ihrem Roman "Blumenberg" den Münsteraner Philosophen, auch er ein charismatischer Redner, zu dessen Vorlesungen die ganze Stadt strömte, zu ihrem Protagonisten gemacht. Nun also Adorno als Romanheld, der seine Zuhörer in Bann schlägt. Es sind nicht die schlechtesten Romane, die auf heitere, geschliffene und aparte Weise von der aufregenden Welt des Denkens erzählen.

Sigrid Löffler, kulturradio

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