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Buch - Jaroslav Durych: "Unerkannt durch Deutschland"

Bewertung:

Im Jahr 1925 reiste der tschechische Schriftsteller und Arzt Jaroslav Durych durch Deutschland. Er bewegte sich auf den Spuren des Feldherrn Wallenstein, an dessen Biografie er damals arbeitete.

Stationen seiner Erkundungen waren Stralsund, Magdeburg, Leipzig, Lützen und Dresden – und natürlich Berlin, das er auf dem Wege von einem Bahnhof zum andern und im Warten auf einen Anschlusszug eher widerwillig mitnahm. Erstaunlich ist, was der Reisende in expressionistischen  Wortgebilden hier entwirft: Anfangs zeichnet er das Bild eines beängstigenden, eines bedrückten und bedrückenden Landes in blassen Farben, bevölkert von stummen, wortkargen Menschen.

Niemand lacht

Berlin vor allem erscheint als ein Moloch, in dem es fast unmöglich ist, eine Straße lebend zu überqueren, aber es ist ein nüchterner und kühler Moloch. Unterwegs im Norden ergeht es dem Fremden nicht besser: niemand lacht, und selbst die Landschaft scheint in Erstarrung versunken. "Die Luft stand, das Meer stand und auch die Kreidefelsen standen", vermerkt er melancholisch auf Rügen. Erst in Magdeburg, auf dem Weg nach Süden, wird dieses graue stumme Deutschland plötzlich lebendig und steigert sich bis Leipzig und Dresden sogar in eine ausgelassene Heiterkeit hinein.

Mit traumwandlerischem Blick

Durychs Reisegeschichte ist kein Bericht und auch keine Reportage. Er vermisst weniger die Realität als den Eindruck, den viele Details bei ihm hinterlassen, breitet genüsslich und ironisch Klischees aus und stellt sie mal auf den Kopf, mal auf die Füße.

Das Land, das hier beschrieben ist, ist für uns heutige Leser ein seltsam vertrautes und dennoch fremdes Gebiet. Und man weiß nicht: liegt es an all den Zerstörungen und Veränderungen der letzten 90 Jahre oder liegt es am hemmungslos subjektiven und traumwandlerischen Blick des Reisenden.

Katharina Döbler, kulturradio

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