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Belletristik - John Burnside: "Wie alle anderen"

Bewertung:

Ein autobiografischer Roman, in dem der Autor davon erzählt, wie er immer wieder an der "bürgerlichen Normalität" scheitert.

John Burnside ist eigentlich seit seinem ersten Roman einer der wichtigen schottisch-englischen Gegenwartsautoren. "Haus der Stummen" hieß dieser Roman, in dem Burnside dem Experiment nachging, ob Sprache angeboren oder erlernt ist. Und dann gab es in letzter Zeit das Buch "I put a spell on you", in dem Burnside sich mit der Arbeitergeneration seines Vaters auseinandersetzt.

Vor einigen Jahren bereits erschien "Lügen über meinen Vater", das war Burnsides erschütternde, aufwühlende Schilderung des kindlichen Lebens mit seinem brutalen, alkoholsüchtigen Vater, und dieses Buch trug bereits autobiographische Züge. Das jetzt erschienene Buch "Wie alle anderen" schreibt diese Schilderungen fort, in dem es die Auswirkungen der Kindheit auf den Lebensweg des John Burnside aufzeigt, aber auch die Versuche der Abkoppelungen von den Prägungen der Kindheit.

Der Held im Buch heißt John Burnside

Burnside  folgt dabei dem gegenwärtigen literarischen Trend, in romanartigen Schilderungen die Ich-Erzähler-Perspektive mit der Autorenposition zusammenzulegen und damit die so genannte fiktionale Erzähler-Distanz bewusst oder mehr oder minder hinnehmend aufzugeben. Man kennt das inzwischen von einer Vielzahl an neueren Veröffentlichungen.

Dennoch begann Burnside sein autobiographisches Buch "Lügen über meinen Vater" mit dem Satz: "Dieses Buch liest man am besten als ein Werk der Fiktion." So ist es auch hier bei diesem Buch, es ist auch ein Stück weit ein Spiel mit der Form, aber der Held im Buch heißt John Burnside, und der Verlag verzichtet konsequent auf die Bezeichnung 'Roman'.

 

Das Scheitern an der bürgerlichen Normalität

John im Buch kämpft gegen Trunksucht und Drogen, indem er ein so genanntes "normales Leben" anstrebt, er geht zu den Anonymen Alkoholikern, flieht aber vor deren Ritualen,  muss sich schließlich eingestehen, dass er genau den gleichen Weg eingeschlagen hat wie der Vater – seine Lebensängste zu betäuben mit Alkohol, mit Lügen.

Immer wieder beschließt er aufs Neue, ein "bürgerliches" Leben zu führen, eben, so der Titel, so zu sein wie alle anderen. Jetzt könnte man sagen: "Radikal ehrlich erzählt Burnside hier von seinem langen Weg in die Normalität". Er erzählt aber auch, und erst das macht das Buch so abgründig erschütternd und literarisch interessant, vom immer wieder neuen Scheitern an und in dieser so genannten "bürgerlichen Normalität".

Verheerungen der Seele

Die Kapitelbezeichnungen geben dabei Auskünfte über das Geschehen, es gibt Kapitel, die heißen 'Kafkaland' oder 'Valium und Schlaflieder', eine Reihe Beziehungen zu Frauen werden geschildert, ein Kapitel heißt 'Wie ich Helen verlor'. Überhaupt Frauen. In den erzählten Episoden gehen Frauen (und Männer) am Suff zugrunde oder lernen, damit zu überleben oder sie schneiden sich die Adern auf und sterben, und wir erfahren nur vage, warum.

Die Verheerungen der Seele des John durch das Elternhaus ist aber nur die eine Seite des Buches. Die andere Seite ist Burnsides Erkenntnis, dass wir zwar gut im Therapieren des kranken Individuums sind, aber schlecht darin, die Psychosen unserer modernen Gesellschaft zu begreifen.

Dieser John Burnside im Buch ist einer, der an seinen Zweifeln und Selbstzweifeln, an seinen Sehnsüchten nach Liebe und Erfüllung verbrennt, und der Schein dieses Brandes leuchtet aus den Seiten dieses Buches.

John Burnside hat ein gelassenes, fast heiter zu nennendes Buch geschrieben. Ein Buch für Leser, die die Wahrheiten hinter den Wahr-heiten ertragen und bereit sind, sie zuzulassen.

Salli Sallmann, kulturradio

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