Biographie - Michaela Karl: "Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an"

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Michaela Karl erzählt die Lebensgeschichte von Unity Mitford, die die Tochter eines britischen Lords und eine glühende Hitler-Anhängerin war.

Michaela Karl beschreibt hier im Titel das Kennenlernen von Unity Mitford und Adolf Hitler: Am Samstag, dem 9. Februar 1935, sitzt Unity Mitford - 20jährige Tochter von Lord Redesdale - wieder einmal in der Osteria  Bavaria. Das ist Hitlers Stammlokal in Schwabing, und sie wartet darauf, einen Blick auf den von ihr verehrten Hitler werfen zu können. Der erscheint auch, sie fällt ihm auf - vermutlich zum wiederholten Male - und er lässt sie an seinen Tisch bitten.

Das ist der Beginn einer engen Beziehung: In den folgenden 4 1/2 Jahren sehen sie sich 140 Mal. Und das ist im Terminkalender eines Diktators eine ganze Menge. Unity Mitford bekam in den folgenden Jahren Zugang zu den höchsten Nazi-Kreisen, wurde von Hitler zu den Festspielen nach Bayreuth und auf den Obersalzberg eingeladen.

Mit Ratte oder Ringelnatter ging sie zum Ball

Wer war Unity Mitford? Unity Valkyrie (!!) Mitford war ein Spross der englischen "Upperclass". Ihre Eltern, Lord Redesdale - geerbter Titel, geerbter Sitz im Oberhaus - und Lady Redesdale hatten sechs Töchter und einen Sohn. Ihr bürgerlicher Name war Mitford, und Michaela Karl macht zu recht darauf aufmerksam, dass die Mitford-Sisters bis heute ein Mythos in England sind: spleenig, prominent, attraktiv und damals dauernd in der Presse, waren sie die "It-Girls" der späten 20er und 30er Jahre.

So ging Unity öfter mit ihrer Ringelnatter Enid am Arm und ihrer zahmen Ratte Ratular zu Partys und Bällen. Nancy, die älteste Schwester, war schon früh eine bekannte Schriftstellerin. Aber die Welt verändern wollten Diana, Unity und Jessica. Sie waren von den politischen Extremen angezogen: Diana und Unity vom neu aufkommenden Faschismus - Diana war bald mit dem  englischen Faschistenführer Oswald Mosley verheiratet - und Jessica bekannte sich als Kommunistin, was aber nichts an ihrer besonderen Nähe zu ihrer geliebten Schwester Unity änderte.

Montage: rbb

Englische Intellektuelle als Anhänger der Faschisten

Warum dem Faschismus verfallen? Michaela Karl verdeutlicht: Das war auch in englischen intellektuellen Kreisen nicht ungewöhnlich. Selbst George Bernhard Shaw war zunächst Anhänger der Faschisten. Mit der Weltwirtschaftskrise nahm die Enttäuschung über den langsamen Parlamentarismus und die Unfähigkeit der etablierten Parteien, die dringenden sozialen und politischen Probleme zu lösen, rapide zu. Also schauten viele nach rechts oder links.

Als Jugendliche liest Unity Aldous Huxleys ersten Roman "Eine Gesellschaft auf dem Lande", und seine beißende Kritik an der englischen Upperclass gefällt ihr wie vielen ihrer Generation. In der Schilderung der Stimmung jener Zeit in England liegt eine Stärke des Buches. Zumal Prominente am laufenden Band erscheinen: die Mitfords sind mit Evelyn Waugh befreundet und mit Churchill verwandt.

Unity gehört zu Hitlers Entourage

In der zweiten Hälfte der 30er Jahre lebt Unity in München. Sie  gehört jetzt zu Hitlers Entourage. Bei Kriegsbeginn 1939 schießt sie sich eine Kugel in den Kopf - im  Englischen Garten in München. Sie überlebt mit bleibenden Schäden und stirbt an den Spätfolgen 1948, noch vor ihrem 34. Geburtstag. Die These der versuchten Selbsttötung bleibt umstritten, auch Michaela Karl glaubt nicht daran.... Fest steht, dass Hitler sie am 8. November 1939 ein letztes Mal im Krankenhaus besucht und eine Rückkehr Unitys nach England über die Schweiz veranlasst.

Wie auch immer Unity Mitfords Handeln beurteilt werden wird, sie wird zum anhaltenden Nachruhm der Mitford-Sisters beitragen.

Eckhard Stuff, kulturradio

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