Buchcover: Bruce Springsteen - Born to Run, Montage: rbb
Bild: Montage: rbb

Autobiographie - Bruce Springsteen: "Born to Run"

Bewertung:

Der amerikanische Rocksänger gehört zu den weltweit erfolgreichsten Musikern und schreibt auf knapp 700 Seiten seine Geschichte auf.  

Nein, dieser Weg war nicht vorgezeichnet: Aus den Arbeiterbehausungen an der Randolph Street in Free­hold, New Jersey, in die Rock & Roll Hall of Fame, zum 20fachen Gram­my-Ge­win­ner, zum glo­bal bejubelten Megastar, zum Multimillionär und Freund der Berühmtesten. Ange­sichts der gla­mou­rösen Rahmendaten lie­ße sich mühelos eine nar­zis­tische Autobio­gra­phie hin­flun­kern, in der die Son­ne des Erfolgs nie­mals untergeht und die größten Verheißungen des Rock'n'Roll Wirk­lich­keit wer­den, der amerikanische Traum sowieso. Es wäre al­ler­dings nicht die Geschich­te von Bru­ce Spring­steen. Dessen Spezialität ist es ja seit jeher, den Abstand zwischen Traum und Realität zu ver­messen.

Den Dämonen der Finsternis nie entkommen

"Born to run" - geboren, um wegzurennen – hieß sein drittes Album, mit dem er 1975 den kommer­ziel­len Durch­bruch schaffte, "Born to run" heißt nun auch seine Auto­bio­graphie. Und obwohl der Ehe­mann und Vater dreier Kinder längst aufgehört hat, wegzulaufen und Liebes-Beziehungen zwang­haft in soziale Ruinen zu verwandeln  – er ist den Dä­monen der Finsternis niemals entkom­men.

Tatsächlich neigt Springsteen zur Schwermut, er lässt sich seit Jahrzehnten gegen Depres­sio­nen behandeln. Nach der Lektüre von "Born to run" weiß man: Die Rock-Bühnen dieser Welt wa­ren zwar auch die Schauplätze seines Triumphs, gleich­zei­tig aber waren sie die Fluchtorte, an denen ihn die Schraubzwingen im Gemüt am wenigsten quälten.

Ein pickeliger Radio-Maniac

Bitte, bevor Missverständnisse aufkommen: Born to run wirkt auf den Leser absolut nicht depri. Springsteen kann das ja – er kann das sogar am besten: mitreißenden Sound mit kritisch-nach­denk­lichen Inhalten und affirmativen Stadion-Genussrock mit dem her­ben Ge­schmack von Wirklichkeit verbinden. Wofür sein bis heute oft missverstandener, zum Mitgrölen durchaus brauch­ba­rer Super­hit "Born in the USA" das be­rühm­teste Beispiel ist. Das Buch funktioniert nach die­sem Mus­ter: Man lässt sich mitreißen – und stößt auf Widerständiges.

Wie der junge Bruce, dem der Vater ein liebloser Tyrann und dem die Großmutter eine wahre Won­ne ist, sich langsam aus den Erdgeschossen seiner proletarischen Herkunft herausarbeitet, während am Firmament der populären Musik gerade die Sto­nes und die Beatles er­schei­nen, das nimmt reich­lich Raum ein – typisch für Künstler-Autobiographien. Springsteen stellt sich als pickeligen Ra­dio-Maniac vor, als stolzen Besitzer drittklassiger Schrabbelgitarren, als notenunkundigen Selbstaus­bilder, als unentwegten Gruppen-Gründer und Bar-Solisten, bis er später seine E Street Band zu­sam­men hat.

Er schildert abenteuerliche Fahrten an die Westküste, wo sein Stern nicht aufgeht. Er bemerkt irgendwann, dass er es dank unermüdlicher Strebsamkeit in seiner Heimat-Re­gion mit je­dem auf­nehmen kann, der sich auf die Bühne stellt. Erste Artikel erscheinen, Produzen­ten lassen sich ansprechen, zu den Live-Auf­tritten kommt Studio-Arbeit – man kennt das ähnlich von anderen Stars. Mit "Born to run" schießt das Projekt schließlich durch die Decke. "Ich habe die Zukunft des Rock'n Roll gesehen, und ihr Name ist Bruce Springsteen", hält der Musik­kri­tiker Jon Landau in seiner berühmten Einschätzung fest - und wird Springsteens Manager.

Einen leichten Anstrich von Lug und Trug

Das Leben jedoch, so lautete Springsteens Überzeugung, "ist immer größer als die Kunst." Deshalb überschreitet er in seinem Buch zunehmend den musikalischen Horizont. "Born to run" entfaltet sich zu einem amerikanischen Bildungsroman. Der strahlend-gebrochene Held bleibt zwar immer davon über­zeugt, er kön­ne nichts besser, als den Leuten mit seiner Musik eine gute Zeit zu be­scheren.

Aber er weiß und erfährt es gründlich: Musik, Ruhm, Geld, Sex – das ist nicht alles und nutzt im Zweifel gar nichts. Wenn nämlich die Schatten herangleiten und die Pro­bleme sich türmen. Springsteen lässt tief in seine Abgründe blic­ken. Wer jemals seine Heldenposen auf der Bühne für die ganze Wahrheit gehalten hat: Hier findet er sie als Dekor entlarvt. Was nicht heißt, dass das Buch frei von Stilisierung ist. Nicht umsonst lauten die ersten Sätze: "Ich kom­me aus einem Küs­tenstädtchen, in dem fast alles einen leichten Anstrich von Lug und Trug hat. Genau wie ich."

Der heimische Herd als Rock'n Roll

Kein Zweifel, Springsteen sucht mit Born to run die größtmögliche Nähe zu seinen Lesern. Er will die Verbundenheit, das Wir, Augenblicke gemeinsamer Gegenwart. Oft schreibt er witzig und selbst­ironisch, dann wieder tiefernst und auf seine Weise philosophisch. Hier setzt er auf schnelle Tempi, dort schwelgt er in erstaunlich wortgewaltigen Beschreibungen von ornamentaler Qualität. Es gibt lyrisch-dichte, anrührende Passagen, oft angereichert mit Pathos und mit jenen ty­pi­schen Beschwörungen des verdammt harten, verdammt herrlichen Lebens diesseits der Illusionen, wie man es aus den Songtexten kennt. Dann wieder: rotzig-abgefackter Straßenstaub-Slang. Da ist ein "Steifer" ein Steifer – und kein eri­gier­ter Penis. Der unaufhörliche Wechsel der Tonlagen sichert Born to run eine lebendige Textur, die sich über fast 700 Seiten bewährt. Vieles erinnert an bessere Popliteratur.

In der Musik, überhaupt in der Kunst, so Springsteen, geschieht im besten Fall das Wunderbare – dass nämlich eins und eins drei, vulgo: die Summe mehr als die Teile ergibt. Eben dieses Bild  be­nutzt er auch, als er mit seiner zweiten Ehefrau 1990 das erste Kind bekommen hat: "Gemeinsam haben Patti und ich dafür gesorgt, dass eins und eins drei ergibt. Das ist wahrer Rock 'n' Roll." Der große Rocker, er ist sehr verliebt in Patti und das Familien-Glück! Ja, liebe Hartgesottene: Spring­steen findet sei­nen Halt in ausgesprochen traditionellen – um nicht zu sagen: konservativen - Struk­turen, am Ende verbreitet seine Geschichte so­gar einen Hauch von Spießigkeit.

Im Nachwort er­zählt er von einer Motorradtour, ohne das geringste Fitzelchen Easy Rider- oder Born to be wild-Attitüde. Im Gegenteil. Der letzte Satz des Bu­ches dreht alle Klischees von der Freiheit da draußen radikal um: "Ich gebe Gas, und mein Zuhause fliegt mir entgegen." Wenn wir das richtig verstehen, darf der heimische Herd jetzt auch als Rock 'n' Roll gelten.

Arno Orzessek, kulturradio

Weitere Bücher