Buchcover: Charles Darwin - Die Reise der Beagle, Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Charles Darwin: "Die Fahrt der Beagle"

Bewertung:

Mit seinem 1859 veröffentlichten Buch "Über die Entstehung der Arten" hat Charles Darwin sowohl die Biologie und Evolutionstheorie als auch unser Welt- und Menschenbild revolutioniert. Doch Darwin war nicht nur ein Wissenschaftler von außerordentlichem Rang, sondern auch ein passionierter Weltreisender.

Fünf Jahre lang, von Dezember 1831 bis Oktober 1836, reiste er an Bord der Beagle rund um den Globus. Sein Bericht über "Die Fahrt der Beagle" avancierte zu einem Klassiker der Reise- und Wissenschafts-Literatur. Jetzt ist im Theiss Verlag eine von Eike Schönfeld übersetzte Neuauflage dieser einzigartigen Notizen einer jahrelangen Welt-Umrundung erschienen.

Das vor 180 Jahren erstmals veröffentlichte Reisejournal ist eine spezielle Mischung aus Abenteuerlust und Wissenschaftsneugier, geprägt vom unbedingten Bedürfnis, die ganze Welt kennenzulernen und dabei alle Natur-Phänomene, alle Tiere und alle biologischen Funde genau zu beobachten, zu beschreiben, zu sammeln und zu analysieren.

Wir erleben einen noch gänzlich unbekannten jungen Mann und Studenten, der sich mit 22 Jahren an Bord eines Schiffes begibt, das unter dem Kommando von Kapitän Robert Fitz Roy steht und die Aufgabe hat, im Auftrag der englischen Kolonialmacht die Kontinente, Küsten und Inseln dieser Welt noch einmal genau zu vermessen und zu kartographieren. Darwin dient als naturwissenschaftliches Beiwerk dieser Expedition, er unternimmt überall, wo die Beagle vor Anker geht, Reisen ins Innere der Länder, zeichnet und beschreibt ununterbrochen alles was er sieht, sammelt tausende Präparate, Pflanzen, Tiere, Felle, Häute, Federn, Knochen, Fossilien, Gesteine.

Er etikettiert alles fein säuberlich und legt so den Grundstein für alle seinen weiteren Forschungen und Erkenntnisse; seine Theorie über die Anpassung der Arten an ihren natürlichen Lebensraum durch Variation und natürliche Selektion, seine Erklärung der Diversität des Lebens, seine Ansichten über die Entstehung der Arten: das alles ist ohne die "Fahrt auf der Beagle" und der auf der Reise gesammelte Eindrücke und Fundstücke nicht denkbar. Wenn wir heute dieses Reisejournal lesen, werden wir Zeuge, wie aus einem zunächst nicht sehr wetterfesten und seekranken jungen Mann einer der bedeutendsten Wissenschaftler und Reiseschriftsteller aller Zeiten wird.

Die Neuübersetzung von Eike Schönfeld ist moderat modernisierend und entkrampft vorsichtig die sprachlichen Verknotungen des Klassikers, der hier nicht in seiner Gänze präsentiert wird; die Herausgeber haben den alten Text ein bisschen gekürzt, das Buch dann aber auf anderen Gebieten ungemein durch unzählige Beigaben erweitert.

Wir finden - immer passgenau zu den Beschreibungen des Reisejournals - Auszüge aus anderen Werken, z. B. aus Darwins "Entstehung der Arten" oder aus den Notizen von Kapitän Fitz Roy; wir sehen unzählige historische Zeichnungen der Pflanzen- und Tierwelt, wie sie Darwin damals gesehen und gesammelt hat, Zeichnungen der von Darwin besuchten und beschriebenen indigenen Völker; wir sehen zeitgenössische, aktuelle Fotos der Tier- und Pflanzenwelt und der vom Klimawandel gefährdeten Natur, wie sie sich uns heute präsentiert, dazu Landkarten, Malereien, Tabellen; für alles, was Darwin sieht und beschreibt, haben wir einen optischen Beleg und einen ergänzenden, weiterführenden Text - so dass das alte Reisejournal einen kessen Sprung durch die Zeit macht und grandios zwischen Vergangenheit und Gegenwart vermittelt.

Von England aus geht es im Dezember 1831 über Madeira und die Kapverden nach Südamerika, im April 1832 ist Darwin in Rio de Janeiro, von dort aus geht es über Montevideo und die Falklandinseln und durch die Magellanstraße nach Chile und Peru; im September 1835 ist er auf den Galapagosinseln, dann geht es weiter nach Tahiti, Neuseeland, Australien, von dort aus über Mauritius und Kapstadt nach St. Helena; und weil Kapitän Fitz Roy noch einige geographische Messungen in Südamerika korrigieren will, segelt die Beagle nicht direkt nach England, sondern nimmt noch einmal Kurs auf Brasilien, ankert in Bahia und Recife, segelt dann im August 1836 zurück und kommt ihn Oktober 1836 in der Heimat an.

Ohne dass Darwin es weiß, ist er inzwischen zu einem bekannten Wissenschaftler und Schriftsteller geworden, denn sein Mentor und Professor hat all die Briefe, die Darwin von unterwegs geschrieben und in denen er seine Eindrücke und Erkenntnisse mitgeteilt hat, publiziert und damit in der Öffentlichkeit große Wirkungen erzielt: obwohl noch jung an Jahren, ist Darwin bei seiner Rückkehr bereits eine Legende, ihm steht die Welt und die Wissenschaft offen und alles, was er sagt und veröffentlicht, wird begierig zur Kenntnis genommen und leidenschaftlich diskutiert.

Wer in dem Reisejournal Hinweise auf den so genannten "Sozialdarwinismus" sucht, mit dem heute rechte Populisten von "Auslese" und "Erbmaterial" schwadronieren und das Leben als "Kampf ums Dasein" interpretieren, sucht vergeblich. Denn der rassistische Kampfbegriff vom "Sozialdarwinismus" ist eine bewusste Missinterpretation von Darwins biologischen Erkenntnissen, die jetzt mit politischen Absichten auf menschliche Gesellschaften umgedeutet werden.

Darwin wäre es nie in den Sinn gekommen, von "Herrenmenschen" zu sprechen oder zu meinen, dass der Stärke das Recht habe, andere Menschen oder Rassen zu unterdrücken oder auszulöschen. Sicher war Darwin kein lupenreiner Demokrat, aber er war ein überzeugter Humanist und hat sich auch auf seiner Reise des öfteren mit Kapitän Fitz Roy heftige Wortgefechte über die Behandlung von Sklaven und indigenen Völkern geliefert.

Wenn er bei seinen Exkursionen ins Innere Südamerikas miterleben musste, wie Sklaven auf den Märken verkauft oder wie Großgrundbesitzer Jagd auf die letzten Naturvölker machten, hat ihn das zutiefst erschrocken und angewidert. Darwin schaut mit wissenschaftlicher Neugier genau hin und schildert mit sprachlicher Finesse die bedrohten Lebensumstände der südamerikanischen Indianer genauso eindringlich wie die Rituale der australischen Ureinwohner, den Gesang der Galapagos-Finken oder das Jagdverhalten des Pumas in Zentralchile: Sein Reisejournal ist ein zeitlos schillerndes Dokument interdisziplinärer Weltliteratur.  

Frank Dietschreit, kulturradio

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