E.E. Cummings: Fairy Tales ; Montage: rbb
Bild: C.H. Beck

Zum Wiederlesen empfohlen - E.E. Cummings: "Fairy Tales"

Bewertung:

Man kennt ihn, so man ihn hierzulande überhaupt kennt, als Dichter: Edward Estlin Cummings (1894-1962). Seine besten Gedichte zeichnen sich durch eine unverwechselbare spielerische Eleganz aus - und durch eine flirrende Parallelität von Kitsch und Ironie, die noch heute bestechend ist.

All das findet sich auch in den vier seltsamen Kindermärchen, die versammelt sind in diesem kleinen Band. Es sind abgründige Märchen, die weniger zum Erzählen für kleine Kinder geeignet scheinen, als vielmehr zum Überbringen liebevoller, indirekter Botschaften an ein ganz bestimmtes Kind.

Zwei von ihnen handeln von einer innigen Liebe über extreme Unterschiede, eigentlich über Unmöglichkeiten hinweg: Ein Schmetterling besucht einen Elefanten, der am liebsten brütend am Fenster sitzt und sich nicht von der Stelle bewegt. Die beiden scheinen von der Existenz des anderen bereits zu wissen – aber erst von dieser Begegnung an sind sie unzertrennlich. Die andere seltsame Liebesbeziehung entfaltet sich zwischen einem leerstehenden Haus und einem Vogel.

Cummings hat diese Geschichten seiner kleinen Tochter Nancy erzählt, die 1909 geboren wurde. Ihre Mutter verließ den Dichter, der zunächst kein Kind gewollt und wenig Neigung zum Familienleben hatte, und nahm das Kind mit. Den Kontakt unterband sie nach Möglichkeit. Nancy wusste nicht einmal, dass Cummings ihr Vater war. Sie erfuhr es erst, von ihm selbst, als sie erwachsen und selbst schon Mutter war.

Es ist anzunehmen, dass Cummings um die Zeit dieser Wiederbegegnung die alten Kindergeschichten überarbeitet hat und ihr zukommen ließ. Und, wie er es häufig tat, unterzeichnete er die Botschaft mit seinem bevorzugten Signet: dem Elefanten.

Das letzte der Märchen ist ein Dialog zwischen einem Erzähler und seinem Publikum und handelt von einem Mädchen, das Ich heißt und allen möglichen Tieren begegnet, die es vergeblich zum Tee einlädt – bis es einem Mädchen namens Du begegnet.

Spätestens an dieser Stelle ist man froh, dass diese kleinen Geschichten zweisprachig erschienen sind, denn im Original glitzert der Witz des Sprachjongleurs Cummings sehr viel farbiger und vieldeutiger als es unsere Sprache erlaubt.

Katharina Döbler, kulturradio

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