Cover: Louise de Vilmorin: "Der Brief im Taxi"
Bild: Montage: rbb

Roman - Louise de Vilmorin: "Der Brief im Taxi"

Bewertung:

Eine attraktive und unkonventionelle Dame verliert einen wichtigen Brief im Taxi. Daraus entwickelt sich die schönste Affäre - und keine Ehescheidung.

1958 erschien dieser amüsante und kluge Roman über erotische Verwicklungen und gesellschaftliche Konventionen, über großbürgerliches Geschwätz und eheliche Übereinkünfte. Da war die adlige Autorin (1902-1969) - die in jungen Jahren mit Antonie de Saint-Exupéry verlobt und in späteren mit André Malraux liiert, die zweimal verheiratet war - 56 Jahre alt, mithin eine erfahrene Frau, die sich auf dem Liebesfeld ebenso gut auskannte wie auf dem der besseren Geselligkeiten - und von beiden Schauplätzen souverän erzählen konnte.

Im Zentrum dieser amourösen Pariser-Geschichte steht die kluge und charmante, besonders schöne Cécilie, die sich mehr für Kunst und Literatur als für bürgerliche Konventionen und die wichtigen Vorgesetzten ihres Mannes interessiert. Der ist ein erfolgreicher Banker, der vorrangig an seine Karriere denkt, aber auch ein ungewöhnlicher Ehemann, der seiner Frau alle Freiheiten lässt. Die beiden passen eigentlich überhaupt nicht zusammen, sind einander jedoch sehr zugetan - und also ein ideales Ehepaar.

Durch einen Brief, den sie im Taxi verliert, der nicht in falsche Hände gelangen darf, kommt eine rasante Verwicklungsgeschichte in Gang, in der alle Gewissheiten über den Haufen geworfen und Treue und Lebensplanung zur Disposition stehen. Am Ende siegt - gegen jede bekannte Liebesdynamik - der kluge Ehemann über den hinreißenden Liebhaber. Und trotzdem geht die Geschichte heiter aus, kein Drama findet statt, und der Verzicht ist auch nicht allzu schlimm.

Am Rande dieses ebenso satirischen wie warmherzigen Romans führt die Autorin hinreißende Figuren vor: Einen frauenverzehrenden Komponisten, der sich nach Unschuld sehnt und von einer viel zu jungen Bewunderin zum Altar geführt wird, eine männerverzehrende Dame, deren Verführungsstrategien ins Leere laufen, eine beleibte Gattin, die heiter von Seitensprüngen träumt.

Ein Liebesreigen der besonderen Art, mit dem sich die Autorin (wie schon in ihren anderen Romane, die auch in neuen Übersetzungen im Dörlemann Verlag erschienen sind) als Meisterin ihres Erzählfachs erweist. Und: Die Übersetzerin gilt es auch und besonders zu loben.

Manuela Reichart, kulturradio

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