Arnold Jacobshagen: Gioachino Rossini und seine Zeit

Do 07.01.2016

Biografie

Arnold Jacobshagen: "Gioachino Rossini und seine Zeit"

Das Gesamtbild des Komponisten ist durch Anekdoten und falsche Darstellungen entstellt. Arnold Jacobshagen gelingt mit seiner Biografie eine überzeugende Neueinordnung.

Bewertung: großartig

Er gehört zu den gefeierten Opernkomponisten der Musikgeschichte, und bis heute hält sich seine komische Oper Der Barbier von Sevilla auf den Spielplänen der Opernhäuser. Vieles ist jedoch in Vergessenheit geraten. Arnold Jacobshagen nähert sich dem bekannten Unbekannten aus denkbar unterschiedlichen Blickwinkeln: Er versucht ihn zunächst charakterlich einzufangen; man erfährt, dass Rossini nicht durchgehend der Humorist war, der in vielen Anekdoten überliefert ist, sondern chronisch krank, unter schwersten Depressionen leidend.

Ein Schwerpunkt bildet natürlich das Opernschaffen Rossinis, geordnet nach Operngattungen. Es geht um das Besondere und Wiedererkennbare seiner Musik, um Vorbilder, aber auch um Einflüsse, die von Rossini auf die Gattung Oper und andere Komponisten ausgegangen sind. Das alles ist sehr facettenreich und differenziert.

(K)ein Frührentner

Gioac(c)hino Rossini ist 76 Jahre alt geworden, hat sich jedoch bereits mit 37 als Opernkomponist verabschiedet. Welche Faktoren diese Entscheidung begünstigt haben, fächert der Autor sehr klar auf: Krankheit, keine geeigneten Libretti. Zudem hatte er alles erreicht, konnte es sich finanziell leisten, aber auch der Musikgeschmack begann sich erkennbar zu wandeln.

Schließlich konnte Rossini auch auf ein reiches Opernschaffen zurückblicken, insgesamt 39 Opern in zwei Jahrzehnten. Vergessen wird aber auch nicht, dass der Komponist, wann immer es seine Gesundheit zuließ, weitergeschrieben hat, nur eben keine Oper mehr.

Modellprägend

Rossinis Musik unterliegt oft bis heute dem Klischee des Unterhaltsamen und Eingängigen, bisweilen aber auch etwas Banalen. Hier setzt sich Arnold Jacobshagen mit dem jahrhundertelangen Streit italienischer gegen französische Kunst auseinander, legt dar, dass der große Erfolg von Rossinis Opern in Paris dort eine starke Gegenbewegung hervorrief, und zitiert wirkungsvoll aus entsprechenden Pamphleten französischer, aber auch italienischer Autoren (auch im eigenen Land hatte der Komponist Gegner). Man ging nicht gerade zimperlich miteinander um.

Es geht aber um mehr als nur um die Auseinandersetzungen und Konkurrenzgefühle. Der Autor legt überzeugend dar, wie Rossini die Operndramaturgie neu belebt hat und schildert ihn als Meister der Form, sei es im Kleinen bei der oft vom Rhythmischen ausgehenden Melodik oder im Großen als Erschaffer der romantischen italienischen Oper des 19. Jahrhunderts, der letztlich aber auch für die Pariser Grand Opéra ein Modell (Guillaume Tell!) geliefert hat.

Adler gegen Schmetterling

Wie kontrovers Rossini aber auch in Deutschland rezipiert wurde, schildert Arnold Jacobshagen kenntnisreich und durchaus auch unterhaltsam. Manche Äußerungen wurden zu Klischees, die sich teilweise bis heute gehalten haben, etwa der Vergleich seines Komponistenkollegen Robert Schumann, der Beethoven mit einem Adler, Rossini aber mit einem Schmetterling gleichsetzte.

Alles das war möglich, weil Rossini bereits 1829 als Opernkomponist zur historischen Figur geworden war. Im 20. Jahrhundert entdeckten dann zahllose Komponisten seine Musik als Inspirationsquelle, darunter Busoni, Respighi oder Strawinsky, der auch sogar vor einem wörtlichen Zitat nicht zurückschreckte. Alles das und noch viel mehr findet sich in dieser Biographie hervorragend aufgefächert und jenseits aller unzulässiger Verallgemeinerungen analysiert.

Anspruchsvoll

Ein Buch, das so kompakt, aber auch wissenschaftlichem Anspruch genügend, geschrieben ist, kann notwendigerweise keine leichte Lektüre sein. Spätestens dann, wenn Arnold Jacobshagen Rossinis Melodik analysiert, helfen auch Notenkenntnisse, um die Beispiele nachvollziehen zu können. Und auch, wenn er etwa erwähnt, dass Rossini in seiner Oper Il turco in Italia die Komturmusik aus Mozarts Don Giovanni zitiert, sollte man das natürlich kennen, um die Bedeutung dessen verstehen zu können.

Wer sich nur einmal kurz über den italienischen Komponisten informieren will, sollte und wird schnell ins Internet schauen. Aber wer Vergnügen daran findet, in die Welt Rossinis einzutauchen, die Musik, den Komponisten und seine Zeit besser zu verstehen, hat hier ein hervorragend geschriebenes Werk, das sich nicht nur an Fachleute wendet.

Andreas Göbel, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2016/Arnold-Jacobshagen-Gioachino-Rossini-und-seine-Zeit.html

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