Bernard Bertrand: Herbarium Orbis; Montage: rbb
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Sachbuch - Bernard Bertrand: "Herbarium Orbis"

Bewertung:

Man liest in dem schwergewichtigen Buch mit großem Staunen über diese fast vergessene und doch so faszinierende Kulturtechnik.

Zur Erinnerung: Pflanzen oder Pflanzenteile werden gesammelt, getrocknet und gepresst und dann vorsichtig auf einem Herbarbogen festgeklebt. Für den Botaniker ein wichtiges wissenschaftliches Beleg- und Arbeitsmittel. Dieses Buch nun enthält 200 Abbildungen von historischen Herbarbögen als Faksimiles in Originalgröße, also ca. 20 mal 30 cm auf jeweils einer Seite. Auf der anderen Seite stehen dann Erläuterungen zur jeweiligen Pflanze, zu ihrem Anbau, zur Geschichte und allerlei nützliche Empfehlungen.

Die Herbarbögen in diesem verblichenen Graubraun, diese so scheinbar aus der digitalen Zeit herausgefallene Arbeitstechnik – da kann man tatsächlich nostalgisch werden. Aber es geht hier auch um viel mehr. Denn die jeweiligen Pflanzenporträts bieten Wissenswertes und erzählen spannende Geschichten.

Faszinierendes Nachschlagewerk

Fangen wir bei A an: die Ackerbohne. Neben einigem Nützlichen erfährt man, warum ausgerechnet der berühmte Pythagoras eine starke Abneigung gegen die Ackerbohne hatte. Er verbot sogar seinen Anhängern Ackerbohnen zu essen. Er vermutete, dass an dem Ort, an dem Ackerbohnen wachsen, die Seelen der Toten auf ihre Reinkarnation warten.

Über die wunderbare Vanille erfährt man ganz nebenher, dass ihr kommerzieller Anbau so kompliziert war, weil die Bestäubung der Blüten langwierig war. Man musste das nämlich händisch erledigen bis ein 12-jähriger Sklave auf der Insel La Réunion eine Methode entwickelt hat, dies zu beschleunigen. Diese Methode brachte die industrielle Kultivierung auf der Insel voran und machte La Réunion zu einem großen Vanilleproduzenten.

Wir haben es mit einem ästhetisch faszinierenden, aber eben auch einem naturwissenschaftlichen Nachschlagewerk zu tun und das hat eine Systematik. Die gezeigten Pflanzen sind in Gruppen gegliedert: Da gibt es kulinarische Pflanzen wie Ananas, Artischocke oder Aubergine, dann kommen die medizinischen, also Ampfer, Anis und Arnika. Und dann kommen die Nutzpflanzen, hier ökonomische Pflanzen genannt. Da gibt's nichts mit A und ich muss auf B ausweichen, also Baumheide, Besenginster und Brennnessel.

Quelle des Staunens

Der Autor des Buches, Bernard Bertrand, ein Franzose, stammt aus einer Bauernfamilie und studierte zunächst Agrarwissenschaften. Dann kaufte er sich einen alten Bauernhof in den Pyrenäen und experimentierte mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der ökologischen Landwirtschaft und Praxis.

Gleichzeitig ist die Ethnobotanik, also die Wissenschaft der Beziehungen zwischen Menschen und Pflanzenwelt, sein großes Betätigungsfeld. Da veröffentlicht er seit den Neunzigerjahren. In diesem Kontext ist auch dieses Buch entstanden. Bertrand geht es also nicht nur um das Erhalten des Wissens um die Pflanzen. Er sagt, ein Herbarium sei ein Gedächtnis des Lebens und eine Quelle des Staunens. Und damit eine Hommage an die Natur als wertvollster Verbündeter des Menschen.

Der Hauptteil der abgebildeten Herbarbögen stammt übrigens aus dem Botanikinstitut Montpellier, das als eines der fünf wichtigsten in Europa gilt. Insgesamt ist es ein ganz wunderbares Buch, z.B. für Gärtner in der Winterpause, eine Hommage an die Schönheit von Pflanzen – und vielleicht eine Anregung, mal wieder selber zu pressen.

Danuta Görnandt, kulturradio

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