George Steiner: Warum Denken traurig macht; Montage: rbb
Suhrkamp
Bild: Suhrkamp Download (mp3, 5 MB)

Zum Wiederlesen empfohlen - George Steiner: "Warum Denken traurig macht"

Bewertung:

Von Schelling ausgehend,stellt Steiner die Traurigkeit in den Mittelpunkt einer Meditation über Glanz und Elend der Reflexion. Aber ist das Denken wirklich traurig?  

Ein Buch, das über das Denken nachdenkt. Das ist, schon im Ausgangspunkt, eine tautologische Unmöglichkeit. Im Englischen, der Sprache, in der Steiner diesen zehnteiligen Essay verfasst hat, gibt es die Wendung "das Denken denken" nicht einmal. Im Englischen kann man nur "über" etwas (nach)denken: Think about thinking.

Aber das ist es nicht, was Steiner anstrebt. Er denkt exemplarisch vor, und zeigt, wie die Verlockung zum Denkens immer an dessen Grenzen stößt: an die Grenzen der Realität, des in-der-Welt Seins.

Dass das Denken allerdings traurig mache, ist ein vorweggenommenes Resümee, dass das sich auf Schellings Aufsatz "Über das Wesen der menschlichen Freiheit" bezieht. Darin heißt es: "Nur in der Persönlichkeit ist Leben; und alle Persönlichkeit ruht auf einem dunklen Grund, der allerdings auch Grund der Erkenntnis sein muss.

Diese Verbindung des Denkens, des hellen Kopfes in aufklärerischer Aktion also, mit der existenziellen Dunkelheit, die man auch Melancholie nennt, ist selbst kein neuer Gedanke und war es schon bei Schelling, dem theologisch geprägten Philosophen nicht: Er findet sich, wie viele andere Wahrnehmungen dieses Buches, schon in der Bibel, im Buch des Predigers.

Das Denken, scheint unendlich

Und Steiner, ausgehend vom idealistischen Denken der Nach-Aufklärung, stößt mit dem ganzen Instrumentarium aus Geistes- und Literaturgeschichte, Neurophysiologie und Linguistik, das er exquisit zu handhaben versteht, an dieselben Grenzen. Das Denken, nicht an die Enge von Raum, Zeit und physische Existenz gebunden, scheint unendlich; dabei weiß die oder der Denkende nie, "wie weit das Denken reicht im Hinblick auf die Gesamtheit der Realität". Deshalb ist Denken immer auch erfüllt von Zweifel und Frustration, ein erster Grund für Schwermut. Weitere Gründe sind, dass das Denken nicht wirklich logisch ist, dass es nichts gegen die Einsamkeit des Individuums vermag, dass es an Sprache gebunden und niemals wirklich originell ist.

Aber ist das wirklich traurig? Man muss Steiners Schlüsse nicht teilen, auch seine Prämissen nicht, um einzutauchen in dieses kleine Meer des Denkens und so beglückt wie melancholisch wieder daraus aufzutauchen.

Katharina Döbler, kulturradio

Weitere Rezensionen