John Berger: "Von ihrer Hände Arbeit" und "Der Augenblick der Fotografie"; Montage: rbb
C. Hanser
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Zum Wiederlesen empfohlen - John Berger: "Von ihrer Hände Arbeit"

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John Berger, am 3. Januar 2017 im Alter von 90 Jahren in Paris verstorben, war einer der eindrucksvollsten Intellektuellen Europas.

Als Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker hat der 1926 in London geborene John Berger, der sich zeitlebens als Marxist verstand, ganze Generationen kritischer Intellektuelle geprägt.

Bekannt wurde er, als er 1972 für seinen Roman "G." den angesehenen Booker-Preis bekam und die Hälfte des Preisgeldes an die "Black Panther" spendete, weil der Preis mit einer Firma verbunden ist, die ihren Reichtum einst durch Sklavenarbeit erwarb.

Von der anderen Hälfte des Preisgeldes kaufte er sich ein altes Bauernhaus hoch oben in den Bergen Savoyens, in dem er viele Jahre lebte und schrieb.

Stilistische und poetische Abenteuerreisen

Der ungeheuren Lebensleistung, der Komplexität seines Denkens und der schillernden Vielfältigkeit seines Werkes wird man mit der Erwähnung nur eines Buches und mit der Beschränkung auf nur ein Genre nicht gerecht. John Berger hat immer quer zu allen Trends und allen Darstellungsweisen gelegen, seine Romane sind immer auch Gedanken-Experimente und stilistische und poetische Abenteuerreisen.

Seine Essays über Politik und Kunst sind immer auch philosophische Exkurse zu den Grundfragen unserer Existenz: Woher kommen und wohin wollen wir, und welche Rolle könnte die Literatur und die Kunst bei der Beschreibung und Veränderung der Realität spielen?

Es gibt wohl kaum einen zweiten zeitgenössischen Autor (außer vielleicht Hans Magnus Enzensberger), der so viel interdisziplinäres Wissen angehäuft und so viele ästhetische Möglichkeiten durchgespielt hat. Und selbst wenn er Romane schrieb oder Gedichte, blieb er doch immer ein Maler und Zeichner, denn das hatte er einst studiert.

Mit seiner BBC-Fernsehsendung in den Sechzigerjahren – "Ways of Seeing" –, aus dem dann später auch ein Buch über das Sehen und die Kunst im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit wurde ("Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt"), öffnete er vielen Intellektuellen im wahrsten Sinne des Wortes die Augen und wurde von vielen intellektuellen Frauen – Susan Sontag, Arundhati Roy, Tilda Swinton – dafür verehrt, dass er die Ausbeutung des weiblichen Körpers durch den männlichen Blick (vor allem in der Werbewelt) immer wieder kritisch offen gelegt hat.

Ein poetisches Denkmal

Die Romantrilogie "Von ihrer Hände Arbeit" ("SauErde", 1979, "Spiel mir ein Lied", 1987, "Flieder und Flagge", 1990), die der Hanser Verlag jetzt noch einmal neu aufgelegt und in einem Buch vereint hat, ist eine Hommage an seine Wahlheimat in den Bergen Savoyens, und es ist ein poetisches Denkmal einer zum Untergang verurteilten, verschwinden Welt.

Berger hat wie ein Bauer unter Bauern gelebt, mit ihnen getrunken und gegessen, sich ihre Lebensgeschichten angehört, ihre Sorgen und Nöte geteilt. Er erfährt alles über ihre Arbeit auf den Feldern und in den Schweine- und Kuhställen.

Und so erzählt er - nahe am Verstummen – in "SauErde" in wortkargen Gedankensplittern und poetischen Assoziationen von einer fast archaischen Gesellschaft, die von der Moderne zerrieben wird. Er schildert, wie man ein Schwein oder eine Kuh tötet und zerlegt, wie man weiterlebt und in Einsamkeit altert, wenn der Partner stirbt und die Kinder in die Städte ziehen.

In "Spiel mir ein Lied" erzählt Berger von dörflichen Liebesgeschichten und der vorsichtigen Modernisierung des Lebens in den Bergen. In "Flieder und Flagge" zeichnet er nach, wie ein junges Liebespaar sich entschließt, das Dorf zu verlassen und wie es nie jemals in der Großstadt eine Heimat finden wird.

Es sind ungemein beklemmende und zugleich befreiende Erzählungen, denn Berger schafft es, diesen einfachen Menschen eine Stimme, ihnen Würde und Stolz zu geben.

Aufsätze zur Fotografie

In seinem Essayband "Der Augenblick der Fotografie" erzählt Berger von der Macht des Moments, würdigt den flüchtigen Augenblick, den die Fotografie einfängt. Beschreibt, wie dieser Augenblick Fantasieräume öffnet, Geschichten erzählt, einen kritischen Blick auf die Gegenwart frei legt.

Es sind Aufsätze zur Fotografie aus verschiedenen Jahrzehnten, Gedanken zum Werk des großen Foto-Humanisten Henri Cartier-Bresson, zum fotografischen Geschichten-Erzähler André Kertész. Er spricht mit Sebastiao Salgado, der in vielen Krisengebieten der Welt fotografiert hat, darüber, wie verstörend und zugleich wichtig es ist, Elend, Ausbeutung, Tod und Vernichtung fotografisch festzuhalten und ästhetisch aufzuladen.

Berger analysiert anhand der Arbeiten von John Hartgeld den politischen Gebrauch der Fotomontage. Er vergleicht das Foto des toten, aufgebahrten Che Guevara mit Rembrandts Gemälde "Die Anatomie des Dr. Tulp" und mit Mantegnas Gemälde vom toten Christus.

Berger zeigt, dass die Sprache der Fotografie eine Sprache der Ereignisse ist, in der sich Wunsch und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge manifestieren: dass Fotografie eine ungeheure Macht hat, dass Bilder unsere Wahrnehmung und unsere Beschreibung der Welt bestimmen, dass sie uns über etwas aufklären, aber auch belügen können.

Was Kunst soll

Sein wichtigster Gedanke, sein permanenter Antrieb, ja vielleicht auch sein Vermächtnis liegt darin, dass Berger uns gebetsmühlenartig klarmacht, dass uns Kunstwerke – Literatur, Malerei, Fotografie – immer wieder an etwas anderes erinnern sollten. Dass der Augenblick eines jeden Kunstwerks, seine Erhabenheit und Bedeutung sich darin erweist, ob das Kunstwerk mit großer sinnlicher Konkretheit und großer gedanklicher Dichte an etwas erinnert und zugleich auf etwas verweist, dass das Kunstwerk sowohl Vergangenes empor holt als auch zeigt, was uns aus der Zukunft in entgegen blickt.

Durch die Falten der Zeit schauen, Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bauen, den Menschen mit Hilfe von Kunst Halt und Orientierung geben, Geschichten zu erzählen, um den Kern menschlicher Existenz offen zu legen: Berger hat diesen Ansatz als marxistischen bezeichnet. Ich würde das eher eine humanistische Utopie nennen.

Aber was auch immer es ist: wir brauchen diese andere Art zu erzählen, diesen kritischen Blick auf die Gegenwart und die Erinnerung daran, dass die Welt auch anders sein könnte und besser sein sollte.

Frank Dietschreit, kulturradio

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