Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank; Montage: rbb
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Roman - Martin Walser: "Statt etwas oder Der letzte Rank"

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Am 24. März 2017 wird Martin Walser 90 Jahre alt. Aber noch immer ist der alte Brausekopf nicht bereit, ein mildes Alterswerk zu schaffen.

Sein neuer Roman "Statt etwas oder Der letzte Rank" kommt als eine wilde, assoziationsstarke Selbstbefragung daher, als Verteidigungsschrift der eigenen Existenz, als großes Räsonnement über die Antriebskräfte seines Schreibens und als larmoyante wie auch aggressive Selbstverteidigung gegenüber den Zumutungen des Lebens.

Der alte Mann, der mal in der Ich-Form spricht, mal objektiviert in der Er-Form auftritt, wird keinen Walser-Leser überraschen: Da steckt viel von den Walserschen Protagonisten wie Helmut Halm aus der Novelle "Ein fliehendes Pferd" und aus dem Roman "Brandung" drin, vor allem aber: Martin Walser selbst, der sich keine Zügel anlegt und in kurzen Kapiteln dieser Figur, die ihm sehr ähnelt, auf die Schliche zu kommen sucht.

Stringentes, chronologisch fortschreitendes Erzählen bietet er nicht, sondern vielmehr sprachmächtige und gedankenreiche Umkreisungen dessen, was ihn intellektuell und emotional lebenslang angetrieben hat.

Der Titel wird auf dem Vorsatzblatt des Buches dankenswerterweise mit Hilfe des Grimm‘schen Wörterbuchs aufgeklärt: "Rank – Im Wettlaufe und bei der Jagd die Wendung, die der Verfolgte nimmt, um dem Verfolger zu entgehen."

In der Tat schlägt Walser in seinem Text trickreiche Haken, hüpft mal hierhin und dorthin und ist schon wieder woanders, wenn der Leser gerade glaubt, ihn erwischt zu haben. Es handelt sich geradezu um Wortmusik, in deren Verlauf Themen immer wieder neu instrumentiert und variiert werden.

Also: eine Lektüre, die Geistesgegenwart verlangt und die Bereitschaft, den schnellen Sprüngen des Autors zu folgen.

Zu Beginn versucht der Erzähler, zur Ruhe zu kommen, sich selbst endlich genug zu sein. In wiederkehrenden Beschwörungen mahnt er sich: "Mir geht es ein bisschen zu gut.“ Sein Ziel: "Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt." Und Selbstbescheidung fordert er sich ab: "Zu träumen genügt." Und: "Ich hoffe mehr, als ich will." Und schließlich: "Mir hatte immer etwas gefehlt, jetzt wartete ich auf nichts mehr."

Aber dann fällt er schnell wieder in seinen alten Kampfmodus, in dem wie eh und je bei Walser Selbstbehauptungswillen und Selbstbezichtigungslust im Widerstreit liegen. Wieder nimmt er den Kampf auf gegen einen Kritiker, von dem er sich verfolgt fühlt: "Wenn meine Mangelhaftigkeit wieder da oder dort nicht mehr verbergbar war, wurde ich das erklärte Ziel seines verantwortungsbewussten Handelns."

Die Attacken des Kritikers aktivieren seine alten Traumata, gegen die er ankämpft: seine "immerwährende Selbstverneinung", sein "schlechtes Gewissen", seine Überzeugung „der Unrichtige, der Falsche" zu sein, der "mit sich selbst nicht übereinstimmt“, der dazu neigt, "sich zu verstellen", dem sein "Drauflosreden" und sein "wütendes Sich-Verteidigen" peinlich sind.

Hier nimmt sich einer wirklich hart ran, aber in seinem Lamento wird er auch stark, kann sich durch die Kraft seiner Sprache wehren. Und Walsers Sprache ist in diesem Buch besonders kraftvoll und bildmächtig und wunderbar rhythmisiert. "Wenn du nicht gewesen wärest, Sprache, hätte es mich nicht gegeben", heißt es einmal.

Und in der Tat: Mit Hilfe der Sprache führt Walser seine Kämpfe, ermutigt sich: "Gab es eine innigere Berührung als die eines Feindes?" und rettet sich mit grimmiger Ironie. "Die Feinde und ich waren ein Team."

Autor Martin Walser im Haus des Rundfunks, Berlin; Foto: Carsten Kampf
Martin Walser; © Carsten Kampf

Neben seinen (Selbst-)Reflexionen über Leben und Schreiben, über Erinnern und Erzählen, über den Einzelnen und die Anderen, über Fremd- und Selbstbestimmung, über Angst und Freiheit hat Walser auch Gedichte und kleinere anekdotische Stücke eingebaut: eine Begegnung mit Adorno, einen Traum, in dem eine unbekannte Kafka-Schwester auftaucht, und einen anderen Traum, in dem Sartre auf einer Wartebank auf einem Bahnsteig sitzt. Und nicht zuletzt meldet sich auch der Aphoristiker Walser zu Wort: "Durch Lügen kommt so viel Wahrheit in die Welt wie durch Wahrheit."

Es ist ein reiches Lebens(traum)buch, das Walser geschaffen hat, in mancherlei Hinsicht ein "Buch der Unruhe" im Sinne Fernando Pessoas, in dem die Sensationen, Geheimnisse und Fragwürdigkeiten eines Lebens in vieldeutig schimmernden und blitzenden Vexierbildern aufscheinen.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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