Peter Walther: Hans Fallada; Montage: rbb
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Sachbuch - Peter Walther: "Hans Fallada. Die Biographie"

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Ruhig und anschaulich: Peter Walther erzählt von dem ungeheuren Leben des Hans Fallada, das ein singulärer Unglücksfall und Schrecken war.

Hans Fallada, von der Literaturkritik lange Zeit als Unterhaltungsschriftsteller (unter)bewertet, zählt seit dem Erscheinen seines Weltbestsellers "Kleiner Mann – was nun?" (1932) über die ökonomischen und mentalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf eine von Not und Abstiegsängsten geplagte junge Familie, zu den meist gelesenen Autoren in Deutschland. Und seit seiner Entdeckung vor einigen Jahren in England und den USA hat er eine weltweite Leserschaft gewonnen.

Leben und Werk Hans Falladas, der 1893 als Sohn eines Landrichters in Greifswald geboren wurde, waren über all die Jahrzehnte präsent, und sein höchst prekäres Leben wurde bereits in den Sechzigerjahren in einer rororo-Monografie von Jürgen Manthey dargestellt.

Auch danach sind etliche Fallada-Biografien erschienen. Keine hat jedoch so detailreich das Leben Falladas erschlossen wie die neue Biografie von Peter Walther.

Exemplarischer Lebenslauf

Die bislang unbekannten Materialien (Briefe, Tagebücher), die Walther entdeckt und in seine Darstellung aufgenommen hat, zeichnen zwar kein grundsätzlich neues Bild von Fallada. Aber wie er das Leben dieses Mannes ausleuchtet und in den politischen und gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit stellt, macht sein Buch zu einer zugleich spannenden und im Lauf der Lektüre zunehmend deprimierenden Lektüre.

Im gewissen Sinne erleben wir ex negativo einen exemplarischen deutschen Lebenslauf in Zeiten des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. Fallada, der Sohn aus gutbürgerlichem, aufstiegsorientiertem Hause, kollidiert lebenslang mit den sozialen Forderungen, die an ihn gestellt werden.

Von Kindheit an plagen ihn Ängste und Hemmungen, fällt er in Depressionen und flüchtet sich in haltlose Größenphantasien, reagiert er aggressiv und zugleich opportunistisch auf seine Umwelt, von der er anerkannt und geliebt werden will und gegen deren Normen er immer wieder geradezu zwanghaft rebelliert.

Wahn und Rebellion

Ein sympathischer Bursche ist dieser Fallada zu keinem Zeitpunkt seines Lebens. Seine ständigen Ausraster, seine Weinerlichkeit und seine  hemmungslose Rücksichtslosigkeit, die ausführlich geschildert werden, können einem im Lauf der Lektüre gehörig nerven.

Doch dieser Mann, das begreift man bald, ist ja überhaupt kein Einzelfall. Er repräsentiert offensichtlich einen bestimmten Typus: Und zwar jenen Typus des Jugendlichen, der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit Wahn und Rebellion auf echten oder vermeintlichen Konformitätsdruck der Eltern reagiert. Man denke an die Biografien des expressionistischen Lyrikers Georg Heym oder an Johannes R. Becher, dessen frühe Jahre in vielerlei Hinsicht denjenigen Falladas ähnelten.

Becher allerdings, der 1945 seinem Bruder im Geiste zur Seite stand und die Dokumente für dessen Roman "Jeder stirbt für sich allein" zur Verfügung stellte, unterwarf sich früh der disziplinierenden Autorität der KPD und brachte es zum Kulturminister der frühen DDR.

Das war Falladas Sache nicht. Wenn man so will, erleidet er und inszeniert er immer von neuem das Drama des hypersensiblen Kindes. In einem seiner letzten Briefe vor seinem Tod 1947 in der Berliner Charité, wo er nach einem seiner zahlreichen Zusammenbrüche wieder einmal untergebracht ist, schreibt er hellsichtig in einem Brief an seine Mutter: "Irgendetwas in mir ist nie ganz fertig geworden, irgendetwas fehlt mir, so daß ich kein richtiger Mann bin, nur ein alt gewordener Mensch, ein alt gewordener Gymnasiast, wie Erich Kästner mal von mir gesagt hat."

Von Unglücken begleitet

Falladas Kindheit war von Unglücken begleitet, die sich – vielfach variiert – durch sein Leben zogen. Als schwaches, gehemmtes Kind findet er keine Freunde, versagt in der Schule, erleidet Krankheit und wird Opfer eines beinahe tödlich verlaufenden Unfalls.

Als Gymnasiast steigert er sich in eine fatale Todessehnsucht und erschießt als Achtzehnjähriger bei einem Scheinduell einen Freund. Nicht nur hier zeigt sich die Parallele zu Johannes R. Becher, der im gleichen Alter bei einem gemeinsamen Selbstmordversuch eine Frau erschießt.

Falladas wie Bechers Vater sind hohe Juristen, die zu ihren Söhnen stehen. Der Reichsgerichtsrat Fallada versucht alles, seinem Sohn zu helfen. Aber es nutzt nichts. Der Sohn, schon bald dem Morphium verfallen, versucht sich mit Anstellungen auf Landgütern durchzuschlagen. Die noble Haltung des Vaters, dessen Disziplin und Humanität wie auch dessen Bereitschaft zu helfen, erlebt er als Provokation.

Wegen Unterschlagungen wandert er ins Gefängnis, seine Schilderungen in seinem Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" (1934) beruhen durchaus auf eigenen Erfahrungen.

Wie ein Besessener

Dann der große Glücksfall: Er begegnet und heiratet Anna Issel, die ihm beinahe bis zu seinem Ende in unerschütterlicher Liebe zur Seite steht, die seine Depressionen und Wutanfälle – die bis zu körperlichen Angriffen führen können – die seine regelmäßigen Drogenabstürze erträgt und ihn stützt, wenn er in immer kürzeren Abständen in Entzugs- und Nervenkliniken eingewiesen werden muss. Ihr verdankt er, dass er schreiben kann.

Und wie in seiner Sucht, ist er beim Schreiben maßlos. Knapp zwei Jahrzehnte lang erlegt er sich ein ungeheures Pensum auf und arbeitet wie ein Besessener. Für seinen letzten Roman "Jeder stirbt für sich allein" (1947), der über 800 Seiten umfasst, braucht er 24 Tage. Und selbst im Gefängnis, wo er 1944 nach einem Schuss auf seine Frau sitzt, verfasst er manisch sein "Gefängnistagebuch", das ihn in all seinen Widersprüchen zeigt.

Peter Walther hingegen erzählt ruhig und anschaulich – Meinungen und Wertungen weitgehend meidend – von dem ungeheuren Leben des Hans Fallada, das ein singulärer Unglücksfall und Schrecken war, und in dem sich zugleich gebrochen das Unglück der deutschen Geschichte spiegelt, wovon Falladas beste Bücher erzählen.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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