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Roman - Siegfried Lenz: "Es waren Habichte in der Luft"

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In Band Eins einer neuen Ausgabe der Werke von Siegfried Lenz erscheint sein 1951 veröffentlichter Roman. Lenz' Erstlingswerk ist kurz nach dem Ersten Weltkrieg im russisch-finnischen Grenzgebiet angesiedelt und handelt von einem Lehrer, der Verfolgern zu entkommen versucht.

Siegfried Lenz, 2014 im Alter von 88 Jahren in Hamburg verstorben, war zweifellos einer der bedeutendsten Erzähler der deutschen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Nach seinem Tod wurden einige bisher unbekannte Texte aus dem Archiv geborgen und veröffentlicht. Und so ist es jetzt wohl an der Zeit, sein Werk neu zu ordnen und herauszugeben. Eine Hamburger Ausgabe seiner Werke ist auf 25 Bände angelegt. Band Eins dieser Werk-Schau ist dem literarischen Debüt von Siegfried Lenz gewidmet, dem 1951 veröffentlichten Roman "Es waren Habichte in der Luft".

Ein Verehrer von Hemingway und Dostojewski

Lenz war gerade einmal 23, als er damit begann, den Roman zu schreiben, immer in den Morgenstunden, denn nachmittags arbeitete er als Jung-Redakteur im Feuilleton der Tageszeitung "Die Welt". Man spürt beim Lesen deutlich, dass der ehemalige Wehrmachts-Deserteur und abgebrochene Philosophie- und Literatur-Student Lenz die Sprache und den Stil der Helden seiner literarischen Sozialisation und künstlerischen Selbstfindung nachzueifern versucht.

Lenz war ein großer Verehrer von Hemingway, Falkner, Dostojewski, und so hört man mal den expressiven Nihilisten Hemingway, mal den experimentellen Melancholiker Falkner, mal den symbolistischen Sinnsucher Dostojewski heraus. Ein junger Autor breitet das literarische Besteck vor sich aus und probiert Möglichkeiten der erzählerischen Moderne aus, er ist auf der Suche nach seinem eigenen Stil, seiner eigenen Sprache; von Lenz, wie wir ihn alle zu kennen glauben, von Lenz, dem sanft lächelnden, gemütlich Pfeife rauchenden und allwissend erzählenden Autor ist hier noch keine Rede.

Flucht und Heimatverlust als Themen

Aber Lenz weiß genau, was er will, in diesem Debüt-Roman sind bereits alle Themen, die sein ganzes Werk beherrschen werden, vorhanden: Flucht und Vertreibung, Verrat und Verfolgung, Heimatlosigkeit, das Leben als ein ständiger Versuch, Verlorenes wiederzufinden und dem scheinbar sinnlosen Dasein mit stoischer Vernunft zu trotzen. Lenz hat immer wieder den Verlust seiner geliebten masurischen Heimat, seine Flucht aus der Hitler-Armee und seinen Ekel vor jeder Art von Ideologie thematisiert, aber er hat seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse immer - um erzählerische Distanz zu gewinnen - weit von sich gerückt, sich als Ich im großen Erzählstrom und in mehreren Romanfiguren vervielfacht und aufgelöst.

Und so macht er es auch hier: er versetzt Figuren, Orte, Handlungen aus der Endphase des Zweiten Weltkrieges in die Wirren der Endphase des Ersten Weltkrieges, er verlegt die Seen und Wälder Masurens nach Karelien, das Grenzgebiet zwischen Finnland und Russland, und er versteckt sich hinter mehreren Personen, vor allem aber hinter dem in die Anonymität abgetauchten russischen Dorfschullehrer Stenka. 

Der untergetauchte Lehrer wird erkannt

Stenka flieht vor der bolschewistischen Revolution, die sich auf beiden Seiten der Grenze ausbreitet, die Kommunisten trachten ihm nach dem Leben, weil sie alle Akademiker und Lehrer für Abweichler und Konterrevolutionäre halten, für bürgerlichen Abschaum, den man im Namen der proletarischen Revolution liquidieren muss. Das zaristische Russland hatte viele Jahre Finnland besetzt. Jetzt, nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und dem Sieg der Bolschewiki, ist zwar Finnland selbstständig geworden, aber verwickelt in einen kurzen, aber blutigen Bürgerkrieg, bei dem die finnischen Kommunisten an die Macht drängen. Dorfschullehrer Stenka taucht im finnisch-russischen Grenzgebiet unter, doch er wird von einem seiner ehemaligen Schüler wieder erkannt, der mit sich ringt, ob er - um sich und das Leben seiner Freundin zu schützen - den Flüchtenden an die Kommunisten verraten oder lieber schweigen und helfen sollte. 

Ein blutiges Finale

Parallel zu diesen von Flucht und Verrat, moralischer Integrität und ideologischer Verblendung, politischer Gehirnwäsche und Suche nach dem einfachen kleinen Glück erzählenden Zusammenhängen, gibt es einen zweiten Handlungsstrang: ein verwirrter Mann irrt seit Jahren mit einer Axt durch die Gegend und sucht nach seinem verschwundenen Bruder und will ihn erschlagen.

Der Mann hatte als Zwangsrekrutierter in der Zaren-Armee gedient, als er nach vielen Jahren wieder nach Hause kommt, erfährt er, dass sein Bruder sich nicht nur um seine Frau gekümmert, sondern mit ihr auch ein Kind hat: der Mann ist außer sich, fühlt sich verraten und stellt dem geflohenen Bruder nach, um ihn zu töten. Diese beiden Handlungen (hier der untergetauchte Lehrer, dort der mit der Axt herumirrende Mann) laufen eine ganze Weile scheinbar unabhängig nebeneinander her - bis sie sich in einem blutigen Finale auf schreckliche Weise überlappen.

Die Habichte als Symbol für Tod und Verrat

Die Habichte sind ein Symbol, sie sind immer dann in der Luft, wenn Gefahr droht, wenn das Böse umgeht, wenn es um Mord und Todschlag geht, um Verrat und Rache. Für meinen Geschmack ist ein bisschen oft von den Habichten die Rede, die in den Lüften schweben und mit ihren mörderischen Raubtieraugen die Szenerie beäugen: ein paar Greifvögel weniger hätten es auch getan, wären - erzählerisch - mehr gewesen und überzeugender.

Eine alte Ausgabe des Romans dürfte in manchem Bücherregal stehen. Trotzdem lohnt es sich, den neuen Band der Hamburger Ausgabe zu kaufen, weil der Leser reichlich Bonus-Material findet: er erfährt alles über die Entstehung des Romans, verschiedene Textfassungen, die Rezeption des Romans nach der Veröffentlichung; auch wird berichtet über das für die Buchfassung geänderte Finale, das noch bei der vorausgehenden Fassung für den Fortsetzungsroman in der "Welt" anders aussah.

Lenz kommentierte den Roman später ironisch

Es gibt Kommentare, Dokumente, Materialien und einen Aufsatz von Siegfried Lenz, den er 1974 verfasst hat ("Es waren Habichte in der Luft. Erinnerungen an mein erstes Buch"). Dort zeigt er sich - mit seiner typischen milden Ironie - beim Wiederlesen nach über 20 Jahren verwundert, dass er der Autor dieses Romans sein soll, zu weit weg und fast ein bisschen fremd sei ihm das alles inzwischen.

Verwundert ist er auch über das Buchcover der alten Auflage, es zeigt zwar kreisende Vögel, die aber würden wohl eher wie Sperber aussehen und nicht wie Habichte. Das Cover der neuen Hamburger Ausgabe kommt ganz ohne Habichte aus: Und das ist auch gut so.

Frank Dietschreit, kulturradio

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