Arno Gruen: "Wider die kalte Vernunft"; Montage: rbb
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Essay - Arno Gruen: "Wider die kalte Vernunft"

Bewertung:

Eines der Hauptanliegen von Arno Gruen ist, dass sich der psychologische und psychoanalytische Diskurs in die allgemein verständliche Sphäre der Sprache öffnet, damit seine Thesen und Vorstellungen sich entfalten können. Man kann das Büchlein also auch in der U-Bahn lesen.

Arno Gruen (* 26. Mai 1923 in Berlin; † 20. Oktober 2015 in Zürich) war ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker. Nach der Flucht aus Nazideutschland 1936 verbrachte er über 40 Jahre in den USA, wo er studierte und eine akademische Laufbahn einschlug, bis er 1979 nach Europa zurückkehrte und fortan in seiner Wahlheimat Zürich lebte.

Zerstörerische Dynamik des Gehorsams

Dieses Buch steht in einer Reihe mit zwei anderen, die der Psychoanalytiker Arno Gruen mit seinem Verlag konzipierte und auch umsetzte, "Wider den Terror", und, wichtiger, "Wider den Gehorsam". Darin ging es Arno Gruen um die Frage, warum wir uns immer wieder freiwillig dem Willen anderer Menschen unterwerfen. Arno Gruen weist auf die zerstörerische Dynamik des Gehorsams und die verlorengegangene Empathie in der westlichen Zivilisation hin. Und daran wird nun hier in diesem neuen, posthum erschienen Band angeknüpft, in dem Gruen die These vertritt, das Denken unseres Bewusstseins und das Denken unseres Fühlens seien verzerrt. Was aber ist mit der "kalten Vernunft" gemeint?

Diktatur des Rationalen

Gruen schreibt, wir lebten in einer Autokratie, gar Diktatur des Rationalen. Es sei eine vernünftige Vernunft, die uns im Alltag steuert, und die nichts gelten lässt als sich selbst und die deshalb kalt ist. Sobald wir sprechen können, lernen wir, gehorsam und vernünftig zu sein. Nach und nach, sagt Gruen, nähmen wir unsere Gefühle zurück, ließen sie verkümmern, verlören unser Selbst, denn eigentlich seien wir biologische Wesen. Wir seien in der modernen rationalen Welt eben nicht frei, obwohl wir uns dafür halten. Freiwillig begäben wir uns von einer Abhängigkeit in die nächste: Es seien die Zwänge der durchrationalisierten Gesellschaft, die anonym verwaltet und gesteuert wird. Unsere Welt und wir, unsere Psyche, würden durch diese unmenschliche Rationalität in den Abgrund gerissen, wenn wir uns dieser Entwicklung nicht entgegenstellten.

Mutter-Kind-Bindung & Empathie

Gruen führt zunächst im Kapitel "Bindung und Kooperation" die Mutter-Kind-Bindung und ihren Einfluss auf das innere Wesen des Kindes ins Feld, was bei einem Psychoanalytiker nicht verwundert. Gruen führt aus, dass die spätere Bereitschaft zu Kooperation mit anderen Menschen aus einer gesunden empathischen Beziehung von Mutter und Kind erwächst. Im Kapitel "Empathie" argumentiert er dann, dass ein Mensch mit entwickelter Empathie-Fähigkeit, also seinem Mitgefühl, seinen Intentionen und Ideen besser in der Lage ist, kalten Normierungen unseres gesellschaftlichen Alltags zu widerstehen. Gruen sagt aber auch, größere Empathie-Fähigkeit bedeute unter Umständen auch mehr Schmerzen, da der Empathiefähige eben auch feinfühliger sei.

Aggressivität & Selbstwertgefühl

Daneben geht es um die Rolle des Besitzes beim Wechsel des Bewusstseins von der rechten zur linken Hirnhälfte, etwa in der Steinzeit, und es geht um die Rolle von Aggressivität in Bezug auf unser Selbstwertgefühl und unseren Kulturkreis, Stichwort bewältigte und unbewältige und beherrschbare Aggressivität.

Eines der Hauptanliegen von Arno Gruuen ist dabei, dass sich der psychologische und psychoanalytische Diskurs in die allgemein verständliche Sphäre der Sprache öffnet, damit seine Thesen und Vorstellungen sich entfalten können. Viele Kernsätze aus seinen Kapiteln sind noch einmal in Kästen an den Text-Rand gezogen, das verbessert den Überblick über Gruens Argumentation, man kann das Büchlein also auch in der U-Bahn lesen. Ein wenig überflüssig hingegen sind die vielen Namensnennungen von psychologischen Berufskollegen und bekannten Wissenschaftskoryphäen, mit denen der nicht-fachwissenschaftliche Leser kaum etwas anfangen kann.

Im Kapitel über kognitive versus empatisch gesteuerte Wahrnehmung gelingt es Gruen, den Begriff der Empathiefähigkeit mit der menschlichen Geschichte zu verbinden. Das macht er überraschenderweie an den Neandertalern fest, die unter Umständen, so Gruen, die glücklicheren Menschen gewesen sind.

Salli Sallmann, kulturradio

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