Die Maiski-Tagebücher; Montage: rbb
C. H. Beck
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Biografie - "Die Maiski-Tagebücher"

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Iwan Maiski war Stalins Botschafter in London von 1932 bis zu seiner Abberufung 1943. Seine Tagebücher sind wichtige und ungewöhnliche Dokumente der Zeitgeschichte.

Maiski hat kein typisches Sowjettagebuch, keine Selbstanklage nach dem Motto "Wie werde ich ein besserer Kommunist?" geschrieben. Das wäre die regimetreue Version gewesen. Vielmehr hat er in einem sehr persönlichen, politischen Tagebuch die zahlreichen Begegnungen in seiner Zeit als Botschafter in London festgehalten.

Das umfasst natürlich den laufenden Austausch mit dem Kreml, aber vor allem viele Kontakte in die englische Politik und Gesellschaft, von George Bernhard Shaw über Anthony Eden bis Winston Churchill. Natürlich immer wieder Churchill, zumal in den Kriegsjahren. Drei Könige und vier Premierminister hat Maiski erlebt.

So geht es aus Maiskis Sicht zunächst darum, das Deutsche Reich durch Bündnisse einzukreisen und Hitler so am Krieg zu hindern. Mit dem Münchner Abkommen 1938 erkennt Maiski schmerzvoll, dass diese Strategie gescheitert ist. Mit dem Beschwichtiger Chamberlain ist Hitler nicht in die Schranken zu weisen.

Stalin erkennt das auch und paktiert schließlich mit Hitler. Erst mit dem von Stalin nicht erwarteten deutschen Angriff auf die Sowjetunion ändert sich die Lage erneut dramatisch. Jetzt ist der hervorragend vernetzte Maiski derjenige, der immer wieder zwischen Stalin und Churchill vermittelt.

Der israelische Historiker Gabriel Gorodetsky hat die Tagebücher in Moskauer Archiven entdeckt und herausgegeben. Glücklicherweise hat er sie für die deutsche Ausgabe um ca. 3/4 gekürzt und im Text fortlaufend kommentiert. Außerdem hat er Einleitungs- und abschließende Kapitel verfasst. Das alles erleichtert den Leserinnen und Lesern das Verständnis.

Überhaupt sind Maiskis Aufzeichnungen zwar umfangreich, aber häufig auch von hoher sprachlicher Qualität. Sie sind ein schlagender Beleg dafür, dass Geschichte von Persönlichkeiten gemacht wird. Sie mögen von Interessen oder Ideologien, von Abneigung oder Zuneigung geleitet sein. Aber anders als Marx es gesehen hat, spielt der menschliche Faktor doch die entscheidende Rolle. Hierzu Maiskis Schilderung eines Gesprächs mit Churchill 1943:

"Das Gesicht des Premierministers verkrampfte sich und fing an zu zucken, seine Augen schlossen sich für einen Augenblick, und als er sie wieder öffnete, sah ich Tränen. Churchill steigert sich in einen so großen Erregungszustand hinein, dass er nicht sitzen bleiben konnte. Er sprang wieder auf, stapfte zum Kamin und rief bewegt aus: 'Mein tiefster Dank an Stalin!... Sie haben mir noch nie eine so wunderbare Botschaft überbracht.' War das alles echt? Oder spielte er mir etwas vor? Ich glaubte, in seinem Verhalten ein bisschen von beidem zu erkennen."

Eckhard Stuff, kulturradio

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