Matthias Politycki: Reduktion & Tempo; Montage: rbb
Wallstein
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Essay - Matthias Politycki: "Reduktion & Tempo"

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Das ist ein Text über den literarischen Erzähler im 21. Jahrhundert und über die zeitgenössische deutsche Literatur. Gleichzeitig stellt der Verfasser hier Forderungen an die heutige Literatur – und auch an sich selbst.

Außerdem erzählt Politycki uns hier etwas über seine eigenen Entwicklungen als Schriftsteller, vor allem über seine Bewegung durch die Jahre hin zum realistischen deutschen Gesellschaftsroman, der heute in der Buchbranche Hochkonjunktur hat.

Wir erfahren aber auch, was Matthias Politycki an der zeitgenössischen Literatur fehlt und was er diesem Gefüge und Gewusel an deutschen Autorenstimmen hinzufügen möchte. Er nennt das, was er anstrebt, Relevanten Realismus‘.

Was soll das sein? Politycki erklärt es uns: reflektierte, formbewusste und zugleich in den Themengebungen lebensnahe Texte. Er berichtet, wie er im Alter von 39 Jahren noch dachte, Literatur sei vor allem ein sprachartistisches Gebilde, bei dem die Form ganz selbstverständlich den Vorzug vor dem Inhalt hat, eben ganz gemäß den Klischees der Moderne und Postmoderne in der Literaturwissenschaft.

Politycki begann als avantgardistischer Schriftsteller. Er wollte damals "Sprachwelten" bauen, und er erklärt hier im Text, was das hatte sein sollen. Wie er aber über die Jahre zu anderen Positionen gelangte, durch Lebenserfahrung, was das Erzählen angeht, das realistische relevante Erzählen.

Das alles das liest sich sogar gut, verstehbar auch für Nichtgermanisten. Politycki maßt sich nicht etwa an, Zensuren an Schriftstellerkollegen zu verteilen. Aber er benennt vier subjektive Eckpunkte, die die Grundlagen seines Schreibens einerseits und die Aufgaben eines deutschen Schriftstellers im 21. Jahrhundert andererseits sind.

Die vier Eckpunkte lauten: Relevanz, Authentizität, Tempo und Reduktion (letzteres ist ja der Titel des Textes). "Relevanz" meint eine neue deutsche Lesbarkeit entlang aktueller politischer, ästhetischer, moralischer oder gesellschaftlicher Diskussionen.

Das Kapitel ‚Authentizität‘ spricht das authentische Leben des Buchverfassers an, das ins Buch gehört. Erst wenn der Dichter seinen Schreibtisch in die Gesellschaft stelle und die Schauplätze seines Textes gesehen habe, erkenne der Leser den Gedichtband oder den Roman, so Politycki. Und er empfiehlt, möglichst viel zu reisen, um die Welt zu entdecken und zu begreifen. Politycki selbst war übrigens bis jetzt in 97 Ländern, nicht jedem ist das gegeben.

Drittens gibt es im Buch die Kategorie "Tempo". Der Schriftsteller muss heute, sagt Politycki, gleichzeitig in vielen Kategorien Manager seiner Phantasie sein, und unsere Zeit sei schnell, also sollte ein Text eine gewisse Geschwindigkeit haben. Politycki beschreibt, wie er an Robert Musil verzweifelte, weil der ihm zu langsam erzählt.

Zum Tempo gehört dann noch "Reduktion". Reduktion, sagt der Autor, ermöglicht Tempo, und die Haltung des Autors gegenüber seinem Text, müsse Demut sein. Das meint, der Text kommt immer zuerst.

Der Text von Politycki ist sicher Bestandteil einer germanistischen Debatte, und es ist eben in den letzten Jahrzehnten nicht so gewesen, dass diese Debatte außerhalb der universitären Kommunikation verstanden werden konnte. Unter anderem das versucht Politycki anzugehen.

Insgesamt besteht das Büchlein halb aus universitärer Polemik und halb aus einem Werkstattbericht. Am Anfang schildert der Autor die Gräuel, die ihn überkommen, wenn er Schriftsteller hört, die Plattitüden bringen wie "Das größte Abenteuer ist die Sprache". Das sei, so Politycki, als würde ein Tischler säuseln, das größte Abenteuer sei das Holz. Er, Politycki, würde seinen Tisch auf der Stelle bei einem anderen Tischler bestellen.

So exakt und deutlich geht es zu in diesem literaturwissenschaftlichen Essay.

Salli Sallmann, kulturradio

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