Philip Roth: "Verschwörung gegen Amerika"; Montage: rbb

Zum Wiederlesen empfohlen - Philip Roth: "Verschwörung gegen Amerika"

Bewertung:

Philip Roth widmet sich in seinem Roman folgender Frage: Was wäre gewesen, wenn bei den Präsidentschaftswahlen 1940 nicht Franklin D. Roosevelt, sondern Fliegerheld Charles Lindbergh den Sieg errungen hätte?

Seit Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist, hält er die Welt mit immer neuen Dekreten und Tweets in Atem. Wohin Amerika mit Populismus und Isolationismus, mit Rassismus und Frauenfeindlichkeit treibt, und welchen Einfluss Trumps politische Agenda auf die globalen politischen und ökonomischen Geschehnisse haben wird, lässt sich noch nicht beantworten. Viele erwarten jetzt, dass die Literatur Stellung bezieht und behilflich ist, das scheinbar Unerklärliche zu verstehen und den Albtraum zu beenden. Dabei ist das längst mit Philip Roth und seinem 2004 veröffentlichten Roman "Verschwörung gegen Amerika" geschehen. 

"Was wäre wenn?"

Philip Roth - Don DeLillo und Paul Auster mögen mir verzeihen - ist der wohl bedeutendste Autor Amerikas, dem es immer wieder und in diesem Roman ganz besonders gut gelingt, Literatur und Leben, Fakten und Fiktionen, Realität und Fantasie auf geniale Weise zu vermischen und intellektuelle Schneisen von der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen.

Natürlich konnte Roth damals noch nicht wissen, dass Donald Trump ein Jahrzehnt später die Macht ergreifen und Unheil anrichten wird, aber er konnte sich ausmalen, wie in einer gesellschaftlich krisenhaften Situation ein Demagoge und Populist die Massen betören und begeistern, wie er ihnen durch permanente Wiederholungen offensichtliche Lügen als Wahrheiten verkaufen, wie ein machtbesessener und von einer Mission ergriffener Mann die Menschen manipulieren und Minderheiten zu Sündenböcken machen, wie solch ein Präsident mit rassistischen Sprüchen und antisemitischen Tiraden eine Wagenburg-Mentalität erzwingen, alles Fremde ausgrenzen und die Menschen dazu bringen kann, die demokratischen Errungenschaften freiwillig einzuschränken und sich - unter dem Motto „America First“ - ganz auf die eigene Nation zu konzentrieren und aus allen globalen Konflikten und Kriegen herauszuhalten.

Um all das literarisch einzukreisen und aufzudröseln geht Philip Roth einfach ein paar Jahrzehnte zurück und stellt sich an einem historischen Scheideweg die simple Frage: "Was wäre wenn?"

Ein Wahnsinns-Szenario

Er fragt, was wäre gewesen, wenn bei den Präsidentschaftswahlen 1940 nicht Franklin D. Roosevelt, sondern Fliegerheld Charles Lindbergh den Sieg errungen hätte, wenn die von Roosevelt vertretene Politik des sozialen Ausgleichs und der weltpolitischen Verantwortung abgewählt worden wäre, wenn stattdessen ein bekennender Nazi, der von Göring einen Orden entgegengenommen hatte und Hitler für einen bedeutenden Politiker hielt, der Mitbegründer des Komitees "America First" war - das ist also keine Erfindung von Donald Trump! -, der Amerika aus dem Krieg gegen Nazi-Deutschland heraushalten wollte und im eigenen Land gegen Minderheiten und insbesondere gegen Juden wetterte, die Wahl gewonnen hätte.

Im Roman wird genau dieses Wahnsinns-Szenario durchgespielt: Zum Parteitag der Republikaner kommt Lindbergh mit seinem Flugzeug angerauscht, hält in sportiver Fliegermontur eine markige Rede von gerade einmal 66 Wörtern, wird zum Kandidaten gekürt und initiiert einen bisher nicht für möglich gehaltenen modernen Wahlkampf. Ständig ist er mit seinem superschnellen Flugzeug im ganzen Land unterwegs, hält überall im Lande und im Radio kernige Ansprachen, und kaum ist er als Präsident gewählt, macht er genau das, was er angekündigt hat: Er schließt einen Sonderfrieden bzw. Nichtangriffspakt mit Hitler, er beginnt damit, die demokratische Opposition als unamerikanische Volksverräter zu brandmarken, die Freiheitsrechte der Juden einzuschränken und sie umzusiedeln: Schnell steht Amerika, das Land er Freien und Gleichen, am Rande des faschistischen Abgrunds.

Realer Hintergrund

Die Republikaner hatten 1940 erwogen, Lindbergh zum Präsidentschaftskandidaten zu machen, es dann aber lieber sein lassen. Und fast alles, was wir im Roman über Lindbergh und seine nazifreundliche Haltung, seine antisemitischen Tiraden und seine Amerika-First-Ideologie erfahren, entspricht den Fakten, kann man in seinen Büchern nachlesen. Auch fast alle Romanfiguren - Politiker, Gewerkschaftsbosse und auch der Erzähler der Geschichte - , sie alle haben einen realen Hintergrund, in ihnen und mit ihnen werden Fakten und Fiktionen nur auf neuartige und überraschende Weise verwoben. Alllein die Idee, dass Lindbergh tatsächlich Präsident wird und eine Verschwörung gegen die Demokratie Amerikas anzettelt, ist frei erfunden. 

Autobiografisches Leben und erfundene Literatur

Der Erzähler ist ein kleiner jüdischer Knabe mit Namen Philip Roth - und hier gehen wieder autobiografisches Leben und erfundene Literatur Hand in Hand: der siebenjährige Junge wohnt mit seinen Eltern und seinem Bruder in Newark/New Jersey und erlebt hautnah, was nach der Machtübernahme durch Lindbergh passiert, wie sich das antisemitische Gift in der Gesellschaft ausbreitet; der Junge erzählt, wie sein Vater der Bedrohung ohnmächtig gegenüber steht; wie sein Bruder nach einer Landverschickung zu christlichen Farmern völlig verändert zur jüdischen Familie zurückkommt; wie sein Cousin nach Kanada flieht, um von dort aus gegen Nazi-Deutschland zu kämpfen; wie seine Tante einen Rabbi heiratet, der mit der neuen Regierung paktiert und Lindbergh als jüdisches Feigenblatt dient; und wie seine Mutter am Telefon einen jüdischen Jungen tröstet, der nach dem Ausbruch antisemitischer Pogrome ganz allein Zuhause ist und vor Angst fast wahnsinnig wird: wie sie ihn beruhigt und dazu bringt, sich etwas zu essen zuzubereiten, da kommen einem als Leser fast die Tränen.

Bis diese "Verschwörung gegen Amerika" ein Ende hat, müssen die demokratischen Kräfte einige schmerzliche Niederlagen hinnehmen, es gibt Verhaftungen, es fließt Blut auf den Straßen. Ich werde hier nicht verraten, was im Einzelnen geschieht, wie, warum und wohin Lindbergh von der Bildfläche verschwindet, nur so viel: der Spuk ist plötzlich zu Ende, die Geschichte nimmt ihren bekannten Lauf, Roosevelt wird wieder Präsident, der New Deal geht weiter, die USA treten in die Anti-Hitler-Allianz ein. Es ist, als sei ein verrücktes Pferd einmal durchs Wohnzimmer galoppiert, und es bleibt das ungute Gefühl, dass das Eis der Demokratie sehr dünn ist und jederzeit unter der Last von Populisten und Demagogen zerbrechen kann: in Amerika und auch hier bei uns.

Frank Dietschreit, kulturradio

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