Roger Willemsen: "Wer wir waren"; Montage: rbb
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Sachbuch - Roger Willemsen: "Wer wir waren"

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Diese "Zukunftsrede" ist eine gefühlswirksame Kombination aus pessimistischer Klarheit, gefasster Melancholie und endzeitlich-auratischem Raunen - was man vermisst, ist das gelegentliche Lächeln Roger Willemsens.

Um es paradox auszudrücken: "Wer wir waren ist das Buch", das es gibt, weil es das Buch "Wer wir waren" nicht gibt. Aber der Reihe nach. Bevor Roger Willemsen im August 2015 von seiner Krebs-Erkrankung erfuhr, hat er an einem umfänglichen Buch gearbeitet, das "Wer wir waren" heißen sollte – und er hat die Arbeit nach der Diagnose daran prompt eingestellt, hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, ist durch Norwegen gereist und im Januar 2016 gestorben.

Er hatte allerdings im Juli 2015 im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern eine "Zukunftsrede" gehalten, die so etwas wie eine Ideen-Skizze zu dem geplanten Buch war. Der S. Fischer Verlag hat diese Rede, ergänzt um Willemsens handschriftliche Notizen und um einige, in einer anderen Datei befindlichen  Passagen, die er für die Rede-Fassung gekürzt hatte, unter dem vorliegenden Titel "Wer wir waren" veröffentlicht.

Mit den Augen der Späteren

Willemsen wählt die Perspektive eines Rückblicks aus der Zukunft, um die Lage von uns Heutigen umso klarer skizzieren zu können. Er betrachtet uns mit den Augen der Späteren, die wir, da ist sich Willemsen verblüffend sicher, enttäuscht haben werden. Und zwar aufgrund der oberflächlichen Gestaltung unseres Daseins, unserem Umgang mit dieser Welt, mit uns selbst und dem Anderen.

Willemsens rhetorischer Zukunfts-Kniff erzeugt einen satten, zutiefst ernsten, melancholisch-apokalyptischen Sound, der die Zeitdiagnose umso beklemmender und grundsätzlicher macht. Willemsen sagt sehr oft "wir", er spricht also im Pluralis benevolentiae, der Vertraulichkeit und Gemeinsamkeit erzeugen und seiner Diagnose Allgemeingültigkeit sichern soll.

Der Tenor lautet: Wir verpassen in hohen Graden unser Leben, wir verpassen das, was es eigentlich sein könnte. Und warum? Weil wir von digitalen Technologien gehetzt werden, banalen Fortschritts-Versprechungen glauben, in Display-basierten Ersatzwelten verloren gehen, uns von gesellschaftlichen Zwängen disziplinieren lassen und auch noch in unserer Freizeit von Selbstoptimierungssucht ausgezehrt werden. Auf der Strecke bleiben die Dinge, die unserer eigentlichen Bestimmung näher wären: die Muße, die Gelassenheit, die Freuden der langwierigen Reflexion, die große Kunst und Kultur, das Private, Intime, Individuelle.

Auf den Spuren namhafter Kulturkritiker

Keine Frage, grundsätzlich wandelt Willemsen auf den Spuren namhafter Kulturkritiker, sowohl linker wie Theodor Adorno und Gunther Anders, als auch konservativer und philosophischer Kritiker wie Max Weber und Friedrich Nietzsche. Andererseits vermeidet Willemsen geflissentlich journalistischen Alarmismus und die gängigsten kulturkritischen Topoi. Er bemüht sich, nichts nachzubeten und nichts zu wiederholen, weshalb er auf Zitate der Altvorderen restlos verzichtet.

Allerdings: Mag Willemsen auch noch so oft "wir" sagen, auf den Leser überträgt sich vor allem seine eigene Ernüchterung über das Menschengeschlecht (in den westlichen Industrieländern) im 21. Jahrhundert, seine Enttäuschung darüber, wie es die humane Substanz frivol verschleudert.

Die kühle Poesie der Verdämmerung kulminiert in der suggestiv-auratischen Formulierung: "Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat." Aufs Ganze gesehen ist der Text eine gefühlswirksame Kombination aus pessimistischer Klarheit, gefasster Melancholie und endzeitlich-auratischem Raunen, während im Hintergrund still die Utopie verglüht, das alles anders und besser sein könnte.

Philosophisch angehauchter Runterzieher

Auf den ersten Blick überrascht es, dass so ein philosophisch angehauchter Runterzieher im erlesenen Klageliedton zum Bestseller taugt. Aber Willemsen war als publizistisches Multitalent populär, sein Tod liegt noch nicht lange zurück. Und "Wer wir waren" hat nicht zuletzt – und durchaus ungewollt - Vermächtnis-Charakter, wenn auch die Frage offen bleiben muss, ob das geplante dicke Buch Überzeugungskraft hätte entfalten können.

In der vorliegenden Form verzichtet Willemsen auf belastbare Belege für seinen menschheitsgeschichtlichen Pessimismus – ohne Belege aber hat die Verallgemeinerung durch das notorische "wir" auch etwas Anmaßendes. Niemand wird Willemsens Recht zur Traurigkeit über den Gang der Dinge in Abrede stellen. Aber selbst wenn man, um mit Nietzsche zu sprechen, unterstellt, dass der Mensch nichts weiter als ein "Übergang und Untergang" ist, kann man sein Schicksal mit auch mit einem lächelnden Auge betrachten.

Und tatsächlich: Was man an "Wer wir waren" am meisten vermisst, ist das gelegentliche Lächeln Roger Willemsens. Denn es gilt ja: Wer über das Katastrophale reflektiert, kann schon dadurch einen vornehmen Teil seiner selbst vor der Katastrophe retten. Willemsen indessen wollte das offenkundig nicht. Er stellt sich in seinem letzten Buch mitten in den Untergang.

Arno Orzessek, kulturradio

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