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Roman - Carlos Ruiz Zafón: "Das Labyrinth der Lichter"

Bewertung:

Mit "Das Labyrinth der Lichter" legt Carlos Ruiz Zafón nach 15 Jahren den Abschluss der Tetralogie um den Friedhof der vergessenen Bücher vor.

Vor 15 Jahren hat Zafon seine Romantetralogie über Barcelona und einen verwunschenen Ort, den "Friedhof der vergessenen Bücher" begonnen. Zafon hat einmal gesagt, der Romanzyklus sei wie ein Labyrinth geplant, das vier verschiedene Eingänge habe. Hier nun also der vierte Roman, der zeitlich an die drei Vorgänger anschließt.

Wieder ist Barcelona der Handlungsort, im Grau der Francozeit, diesmal in den späten 50er Jahren, wieder gibt es lange Rückblicke in die Zeit des Bürgerkriegs und der Niederlage der Republik 1936-1939, wieder dominieren in poetischen Schilderungen Bilder von Ausweglosigkeit in scheinbar endlosen Jahrzehnten der Franco-Diktatur die Szenen, und wieder schwebt über allem die Sage von diesem "Friedhof der vergessenen Bücher" im Dunkel von Barcelonas Gassen, eine Metapher für Zuflucht. Aber hier, im Finalroman, kommt es zu konsequenten Auflösungen aller Handlungsstränge aller Vorgängerromane.

"Reale" Gruselfakte

Man kann "Das Labyrinth der Lichter" lesen, ohne die ersten drei Romane zu kennen. Aber wer diese Romane in Verlauf und Personalausstattung gelesen hat, kann die Lektüre einfach mehr genießen. Sublim lag unter den ersten zwei der vier Bücher ein Horror-, ein Gruselmotiv von diesem "Friedhof der vergessenen Bücher", hier nun nährt sich Spannung nicht mehr aus dem gruseligen Element des Schauerromans, sondern aus "realen" Grusel- Fakten, aus der Schilderung der Folterkeller der Franco-Diktatur.

Eine neue Hauptfigur

Mit Alicia Gris führt Zafon eine neue Hauptfigur ein: düster, gebrochen, unnahbar – eine klassische Femme fatale, die verführerisch und gefährlich zugleich scheint. Ein Auftrag der Politischen Polizei führt die in Ermittlerdingen geniale Alicia, ein Waisenmädchen aus dem Bürgerkrieg, von Madrid zurück in ihre Heimatstadt Barcelona. Unter größter Geheimhaltung soll sie das plötzliche Verschwinden des Franco-Ministers Mauricio Valls aufklären, dessen Vergangenheit als Direktor eines Folter-Gefängnisses ihn nun einzuholen scheint.

Er verkaufte u.a. die Kinder von politischen Häftlingen. In Valls Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch aus dem verbotenen Roman-Mehrteiler "Das Labyrinth der Lichter". Das Buch führt sie in die Buchhandlung Sempere & Söhne, tief in Barcelonas Herz. Und wie durch Nebel steigen ihr wieder Bilder ihrer Kindheit in Barcelona auf. Doch die Antworten, die Alicia findet, sind schrecklich und widersprüchlich.

Zafonscher Schachtelroman

Vom Aufbau her ist dieser Roman wieder ein Zafonscher Schachtelroman, es sind also Handlungen in den Handlungen angeordnet, aber das Geschehen und die Personenkonstellationen sind hier linearer gestaltet. Die Buchhändlerfamilie Sempere taucht wie gesagt wieder auf, die Geschichten der Schriftsteller Julian Carax, Victor Mataix und David Martin werden zu Ende geführt. Auch Fermín Romero de Torres, der sympathisch-kauzige intellektuelle Besserwisser aus Teil 1 und 3, ist wieder dabei.  

Stilistisch mitunter zu dick

Was einen wesentlichen Reiz der Zafonschen Methode ausmacht, nämlich das Graue der Franco-Jahrzehnte zu verbinden mit dem Grauen von unerklärlichen oder hier mehr kriminalgeschichtlichen Sachverhalten, funktioniert auch hier wieder. Zafon benutzt auch in diesem Roman eine Prise soziales Geschehen und zwei Prisen Orientierung an Charles Dickens und realistischer Magie. Zafóns Charaktere sind bis in die kleinsten Nebenrollen hinein mit Wortgefechten und Schlagfertigkeit ausgestattet. Das wirkt mitunter stilistisch doch allzu dick aufgetragen, es nähert sich die Übersetzung von Peter Schwaar dadurch doch hin und wieder eher an gehobene Unterhaltungsliteratur an.

Es funktioniert

Zweifellos ist der beste der vier Romane um den "Friedhof der vergessenen Bücher" nicht dieses Buch, sondern das erste, "Der Schatten des Windes". Aber auch beim "Labyrinth der Lichter" werden einem gegen Schluss doch die Augen feucht und es drückt im Hals. Also funktioniert das Buch als Roman.

Salli Sallmann, kulturradio

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