Péter Esterházy: "Bauchspeicheldrüsentagebuch" und "Die Flucht dre Jahre"; Montage: rbb
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Tagebuch & Interview - Péter Esterházy: "Bauchspeicheldrüsentagebuch" | Péter Esterházy/Marianna D. Birnbaum: "Die Flucht der Jahre. Ein Gespräch mit Péter Esterházy"

Kurz ehe bei Péter Esterházy im Mai 2015 Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde und er Tagebuch über den Verlauf seiner Krankheit zu führen begann, gab er  Marianna D. Birnbaum ein großes Interview zu seinem Leben. Beide Bücher sind nun gleichzeitig auf Deutsch erschienen, beide Bücher erhellen einander wechselseitig, weshalb es sinnvoll ist, sie parallel zu lesen.

Kurz ehe bei Péter Esterházy im Mai 2015 Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde und er Tagebuch über den Verlauf seiner Krankheit zu führen begann, gab er der ungarisch-amerikanischen Literatur- und Kulturhistorikerin Marianna D. Birnbaum ein großes Interview zu seinem Leben, seiner Familie und seinem Werk. Das Gespräch konzentrierte sich auf Esterházys Doppelrolle.

Einerseits ging es um den Autor Péter Esterházy, den neben Imre Kertész und Péter Nádas wichtigsten ungarischen Schriftsteller der Gegenwart; andererseits ging es um den Aristokraten, den Grafen Esterházy, den Chef der historisch bedeutendsten, wenngleich nach dem Zweiten Weltkrieg enteigneten und deportierten ungarischen Magnaten-Familie.

Beide Bücher sind nun gleichzeitig auf Deutsch erschienen: das "Bauchspeicheldrüsentagebuch" und der Interview-Band "Die Flucht der Jahre". Beide Bücher erhellen einander wechselseitig, weshalb es sinnvoll ist, sie parallel zu lesen.

Der Interview-Band

Der Interview-Band zeigt Esterházy im Vollbesitz des souveränen Bewusstseins seiner Herkunft, seiner Erfahrungen, Erkenntnisse und literarischen Leistungen, aber auch seiner Schwächen und Fehler. Er präsentiert sich in auskunftsfreudiger und zugleich selbstkritischer und selbstironischer Stimmung, bereit, sein persönliches und sein schriftstellerisches Leben Revue passieren zu lassen, wahrheitsgemäß, ohne Eitelkeiten und möglichst ohne Selbsttäuschungen.

Autobiografisches Material, verwandelt in eine andere Realität

Dem Leser tritt ein in seinem innersten Wesen glücklich in sich ruhender Mensch entgegen, ein liebevoller Sohn und ebenso liebevoller Ehemann und Vater von vier Kindern. Als Autor erscheint er künstlerisch getrieben von dem tiefen Verlangen und der steten Freude, aus seinem leidenschaftlichen und sinnlichen Verhältnis zur ungarischen Sprache heraus vollkommene und nicht mehr verbesserbare Sätze zu produzieren und im eleganten Rhythmus seiner Prosa aneinanderzureihen, ohne es ausdrücklich auf Bravour und die Brillanz funkelnder Wortspiele anzulegen ("Ich spanne die Muskeln nicht an, damit was herauskommt, es ergibt sich.")

Esterházys Literatur speist sich allein aus der Sprache und der Literatur und verwandelt die Wirklichkeit, das autobiografische Material der Romane, in eine andere Realität. Das Ich seiner Romane ist nicht identisch mit seinem autobiografischen Ich: "Einen Autor hinter einer dem Autor ähnlichen Figur zu verbergen, das schafft Distanz und Ironie – auf selbstironische Art." Die Figur des Autors in Esterházys Romanen ist immer nur eine Art Arbeitsinstrument, ebenso wie die vielen Gast-Texte von bewunderten Autoren-Kollegen Arbeitsinstrumente sind, die er in seine eigenen Texte zu inkorporieren pflegt.

Die ästhetische Grundüberzeugung

In vielen Statements variiert der Autor seine ästhetische Grundüberzeugung: "Ich betrachte den Stoff meines Lebens als den Stoff meiner Romane." "Ich schreibe, was nicht ist, und dann ist es." "Schreiben ist nicht Erinnerung an die Welt, sondern selbst die Welt." "Die Welt des Romans ist stets eine alternative Welt."

Aristokratisches Grundgefühl einer sicheren Identität

Voraussetzung für Esterházys Schreiben, für sein geglücktes Schriftstellerleben überhaupt, ist das aristokratische Grundgefühl einer sicheren Identität, die allen misslichen Erfahrungen im kommunistischen Ungarn zum Trotz – Enteignung, soziale Deklassierung, Verarmung – unzerstörbar, ja, unberührbar ist ("Kein Gejammer über das Verlorene"). Auch als Verlierer der Geschichte durfte sich Esterházy immer aufgehoben fühlen in dieser aristokratischen Großfamilie, die ihm Halt und Haltung gab – "Geschmack, Eleganz, Feuer, Netz, Zusammenhang". Er wusste immer, was sein Name bedeutet und dass der Name so stark ist, "dass er von alleine verpflichtet, man braucht ihn nicht zum Motto zu machen". Esterházy nennt es sogar ein Glück, dass sich "das ganze Vermögen in Luft aufgelöst" hat: "Geblieben ist, was gewesen war, die nackte Existenz."

Harmonische Kindheit

Der Autor blickt auf eine harmonische Kindheit mit liebevollen Eltern und Brüdern zurück und fragt sich ironisch: "Jesses, könnte es sein, dass ich keine Schäden aus der Kindheit habe? Wie konnte dann ein Schriftsteller aus mir werden? Schließlich hätte ich doch irgendetwas kompensieren müssen. Sagen wir, es gibt nichts zu kompensieren." Nicht einmal die tiefe Krise, in die ihn – just nach Fertigstellung seines Opus Magnum, seines Vater-Romans "Harmonia Cælestis" – die Enthüllung stürzte, dass sein Vater, Graf Matyas Esterházy, dem ungarischen Geheimdienst als Spitzel zugearbeitet hatte, konnte die Liebe zum Vater auf Dauer beschädigen.

Das Krankheits-Journal

Am Rande kommt Esterházy in dem Interview-Band darauf zu sprechen, dass "im Kreis meiner Bekannten-Verwandten gerade der Krebs um sich schlägt" und fragt sich: "Warum glaubt man trotzdem, dass es nur für andere gilt?" Ausdrücklich erwähnt er die Bauchspeicheldrüse. Wenig später erhielt er seine eigene Diagnose, mit der sein Krankheits-Journal unter dem Datum Sonntag, 24. Mai 2015, einsetzt: "Bauchspeicheldrüsenkrebs, mit Metastasen in der Leber." Nie hat er Tagebuch geführt, nun scheint es, "als ob mich das Unheil zum Tagebuchschreiber gemacht hätte". Er versucht, "das Unheil am Schlafittchen zu packen, es unter das Joch der Sätze zu zwingen".

Ein Mittel, angesichts des Unheils in der Sprache Halt zu finden, ist die literarische Distanzierung: Esterházy personalisiert im "Bauchspeicheldrüsentagebuch" seine tödlich erkrankte und gefährlich streuende Bauchspeicheldrüse und macht sie zu seinem Gegenüber, mit dem sich spielerisch in Dialog treten lässt. Dieser als weiblich imaginierte Körper in seinem Leib löst ambivalente – einerseits erotische, andererseits bedrohliche – Fantasien aus: Fantasien der Koexistenz, der Entzweiung, der Verstrickung, der Verschmelzung, der Zerstörung.

Gewissheit des Geborgenseins

Das Journal ist ein Sterbebuch – und doch versucht Esterházy, angesichts des vorhersehbaren schlimmen Ausgangs seine "ontologische Heiterkeit" zu bewahren (wobei er sich das Wortspiel "onkologische Heiterkeit" nicht versagen kann). Was ihm dabei hilft, ist sein religiöser Glaube – eine Gewissheit des Geborgenseins, die ihn letztlich vor Verzweiflung bewahrt und das Entsetzen in Schach hält.

Realität des kranken Körpers

Andererseits wird je länger desto deutlicher, dass sich die Realität des kranken Körpers immer brutaler gegen alle listigen Abwehrtechniken und Überlebensstrategien des Erkrankten durchsetzt. Das strenge und bisweilen qualvolle Regime des onkologischen Behandlungsprogramms, von Hyperthermie über Bestrahlung bis zur Chemotherapie, bezwingt auf die Dauer den Widerstandswillen des Kranken und nötigt ihn, die Dominanz seiner sich selbst zerstörenden Physis anzuerkennen: "Der Tumor ist der Herr, ich nur der geschniegelte Diener." Der Haarausfall erscheint bald als vergleichsweise geringeres Übel – auch wenn Esterházys grau gelockte Haartracht eines Barockfürsten immer sein Markenzeichen gewesen ist. "Die Hitzestrahlen, glaube ich, zerstören alles, auch mich, mein Inneres. Wir zerstören einander."

Schreiben trotz Schmerz

Die Tage sind reglementiert von Behandlungen oder dem Warten auf diese. Die Zeit bemisst sich nach Tagen im Krankenhaus und Tagen daheim. Er verbietet sich das Klagen, auch wenn es manchmal durchbricht: "Ich möchte so gern wieder ein leichtes Herz. Bleiernes Herz." Müdigkeit und Schlafbedürfnis werden immer beherrschender: "Schwäche und Schlaflust". Der Lebenskreis schränkt sich immer mehr ein. Die Freuden, die sich seinem sich verschlechternden Zustand noch abgewinnen lassen, werden immer kleiner und geringfügiger – eine Mahlzeit, die ihm schmeckt, ein gutes Glas Wein mit der Familie, den Brüdern, den Freunden, ein paar Minuten in der Sonne sitzen.

Und doch zwingt er sich zum Schreiben, hadert mit sich und tadelt sich, wenn er sich an manchen Tagen dazu zu schwach fühlt, und vollendet trotz Schmerzen und körperlichem Elend noch den einen oder anderen Text, das eine oder andere Buch. Auch die deutschsprachigen Fahnen zum Interview-Band "Die Flucht der Jahre" korrigiert er noch. Doch der Ausgang steht fest: "Ich bin versunken im Versinken."

Unter dem Datum Mittwoch, 2. März 2016, endet das Journal. Am 14. Juli 2016 ist Péter Graf Esterházy de Galántha et Fraknó im 67. Lebensjahr gestorben. Er wurde in der Familiengruft in Ganna, Komitat Veszprém, zwischen den Sarkophagen seiner Vorfahren beigesetzt. Die Trauerzeremonie hielt der Erzabt der ungarischen Benediktinerabtei Pannonhalma.

Sigrid Löffler, kulturradio

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