Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene; Montage: rbb
Kiepenheuer & Witsch
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Erzählungen - Eva Menasse: "Tiere für Fortgeschrittene"

Bewertung:

Erzählungen gehen nicht, heißt es immer bei den Verlagen. Die Leute wollen Romane lesen, nichts als Romane…

Die Folge davon ist, dass inzwischen oft schwachbrüstige Bücher erscheinen, in denen eine typografisch aufgeblasene Erzählung mit Ach und Krach 120 Seiten füllt und zum Roman erklärt wird.

Eva Menasse im Haus des Rundfunks, Berlin; Foto: Carsten Kampf
Eva Menasse; © Carsten Kampf

Das ist bei dem neuen Buch von Eva Menasse anders. Ganz anders. Auch wenn nirgendwo "Erzählungen" draufsteht, es sind welche drin: Acht runde gehaltvolle Geschichten. Und wie alle guten Erzählungen verweisen sie auf ein größeres, längeres und komplexes Geschehen, in das die handelnden Personen verstrickt, in dem sie gefangen, von dem sie geprägt sind.

In einem gelungenen Text erschließen sich Vergangenheit und Hintergrund assoziativ, die Leserin betritt die Geschichte und denkt sich den Rest.

Hallraum einer Gesellschaftsschicht

Der Rest: Das ist bei Eva Menasse vor allem der Hallraum einer eher wohlsituierten bürgerlich-kreativen Gesellschaftsschicht. Es geht um deren Probleme, Debatten, Gefühle. Eine Patchworkfamilie fährt gemeinsam in den Urlaub und die Exfrau macht Stress. Der alte Vater pflegt die demente Mutter und kämpft gegen die Einmischung der Töchter.

Eine Berliner Grundschulklasse grenzt einen Jungen aus, der im Verdacht steht, Kind einer libanesischen Mafia-Familie zu sein. Ein Stipendiat macht bizarre Erfahrungen in Italien. Ein erfolgreicher Regisseur geht fremd, obwohl er seine Frau liebt. Und so weiter.

Gestochen scharfer Realismus

Es sind Geschichten aus dem Alltag, die in Ausnahmesituationen münden. Und Eva Menasse erzählt davon mit den Mitteln eines gestochen scharfen Realismus. Manchmal so scharf, dass die Grenze zur Karikatur, zur Satire überschritten wird. Es ist ein bisschen so wie bei jenen österreichischen Künstlern, die Menschen malen, aber in jedem Gesicht die Fratze bloßlegen.

Eva Menasse allerdings nähert sich der Wirklichkeit und den Menschen durchaus liebevoll, wenn auch nicht immer wohlwollend. Bisweilen schleicht sich in ihre Beschreibung gar ein ätzender Unterton. Doch nie entfliehen ihre Erzählungen der Enge ihres sozialen Milieus, der schmalen Spur der darin vorgesehenen möglichen Ereignisse, der ganzen Langeweile liberaler Mittelschicht-Bobos. Sie bilden das alles ab, minutiös.

"Tiere für Fortgeschrittene" heißt das Buch. Jeder Erzählung ist eine kurze Pressemeldung aus der Tierwelt vorangestellt. Wir haben es hier also mit höheren Wirbeltieren zu tun, Säugern und Nestbauern, von der Autorin in ihrem urbanen Habitat beobachtet bei Paarungsverhalten, Brutpflege, Rudelbildung, Tischgesprächen.

Katharina Döbler, kulturradio

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