J.M.G. Le Clezio: Sturm; Montage: rbb
Kiepenheuer & Witsch
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Novelle - J.M.G. Le Clézio: "Sturm"

Bewertung:

Meister der Andeutung: Als Jean-Marie Gustave Le Clézio 2008 den Literaturnobelpreis erhielt, waren viele hierzulande ziemlich erstaunt und befremdet.

Sigrid Löffler hielt die Entscheidung für "einigermaßen bizarr", und Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki meinte, er kenne das Werk des französischen Autors nicht und habe noch "nie ein einziges Buch von ihm gelesen". Bis heute fremdeln die deutschen Kritiker und Leser mit dem 1940 in Nizza geborenen  Schriftsteller, der bereits über 40 Bücher veröffentlicht hat und in Frankreich hoch verehrt wird. Vielleicht ändert sich das ja jetzt. Denn soeben ist bei Kiepenheuer & Witsch ein neues Buch von Le Clézio erschienen: "Sturm".

Ein ruheloser Wanderer

Dass der Literaturnobelpreisträger bis heute in Deutschland eher ein literarisches Außenseiterdasein fristet, liegt vielleicht daran, dass die Deutschen (polemisch formuliert) ein Volk von Stubenhockern sind. Wir verreisen zwar ganz gern mal für ein paar Wochen, vagabundieren aber nicht so gern wirklich heimatlos in der Welt herum und leben mal hier und mal dort, ergreifen verschiedene Berufe und saugen verschiedene Kulturen in uns auf und verarbeiten dies zu etwas ganz Neuem und Eigenem.

Le Clézio aber ist genau so ein Typ: ein heimatloser, ruheloser Wanderer zwischen den Kulturen, ein enzyklopädisch gebildeter Weltbürger, der in Amerika, Afrika und Asien gelebt und gearbeitet hat. Er hat aufgrund seiner Familiengeschichte französische und mauritische Wurzeln, hat die französische und mauritische Staatsbürgerschaft.

Und in seinen Büchern, die auf ungewöhnliche Weise zwischen den literarischen Genres irrlichtern, entsteht oft ein geheimnisvolles Geflecht aus Fiktion und Fakten, eine Welt, die zwar multikulturell geprägt ist und voller realer Erlebnisse steckt, die aber auch seltsam märchenhaft wirkt. Eine Welt, die aus Sprache besteht und sich in der Literatur selbst erschafft und von Menschen handelt, die uns allesamt vertraut scheinen und doch sehr rätselhaft sind.

Dem Leben eine neue Richtung geben

In "Sturm" präsentiert er uns eine von afrikanischen und fernöstlichen Kulturen geprägte Welt, mit heimatlosen, ruhelosen, verlorenen Menschen. Sein Buch besteht aus zwei Novellen: In der ersten ("Sturm") geht es um einen älteren Amerikaner, Philip, der auf eine koreanischen Insel kommt, um sein verpfuschtes Leben Revue passieren zu lassen.

Als junger Mann war er Journalist, ist im Vietnam-Krieg Zeuge einer grausamen Vergewaltigung geworden. Er hätte vielleicht eingreifen können, doch er stand nur stumm dabei, wie eine Horde amerikanischer Soldaten eine junge Frau vergewaltigte. Wegen unterlassener Hilfeleistung musste er ins Gefängnis und ist hinterher nie wieder richtig auf die Beine gekommen.

Nur einmal hatte er das Gefühl, noch die Kurve zu kriegen, doch die thailändische Sängerin, in die er sich verliebte, ist eines Tages, ohne irgendwelche Erklärungen, im Meer verschwunden, hat sich in den Fluten ertränkt, eben auf jener koreanischen Insel, auf die er jetzt, nach vielen Jahren, zurückkommt.

Er trifft hier auf June, ein junges koreanisches Mädchen, auch sie eine Außenseiterin, von ihren Mitschülern gemobbt und geschlagen, sie ist Frucht einer verbotenen Liebe, denn ihre Mutter wurde, weil sie unehrlich schwanger war, von der Familie verstoßen.

Diese beiden – der alte Mann und das junge Mädchen – sind in ihrer Melancholie und Todessehnsucht Seelenverwandte, und entweder wird es den beiden gelingen, sich gegenseitig zu retten und dem Leben eine neue Richtung zu geben – oder sie werden beide untergehen und sterben: ein spannendes, schmerzliches psychologisches Drama.

Den Schmerz der Vergangenheit aushalten

Die Situation scheint in der Novelle "Eine Frau ohne Identität" sogar noch aussichtsloser. Denn ein junges Mädchen, Rachel, erfährt nur durch Zufall, als sie die Eltern bei einem Streit belauscht, dass sie das Kind einer Vergewaltigung ist und ihr Vater zwar ihr Vater, aber die Frau, die sie bisher Mutter nannte, nicht ihre Mutter ist.

Die französische Familie lebt in Afrika, doch das französische Kolonialreich ist längst zusammengebrochen, der frühere Reichtum dahin. Die Familie muss vor den afrikanischen Bürgerkriegen fliehen, doch kaum in Frankreich angekommen, zerfällt die jetzt heimatlose und völlig verarmte Familie.

Rachel findet nirgendwo einen Halt, hangelt sich von einem Job zum nächsten, ist immer auf der Kippe zur Selbstzerstörung, zum Selbstmord, zur Selbstauslöschung. Irgendwann wird ihr klar: Sie muss zurück nach Afrika und versuchen, ihre leibliche Mutter und ihre afrikanischen Wurzeln wiederzufinden. Nur so könnte vielleicht aus ihr eine Frau mit einer wirklichen Identität werden und eine Frau, die es schaffen könnte, den Schmerz der Vergangenheit auszuhalten und in Zukunft weiterzuleben.

Große Literatur in kleiner Form

Es wäre wünschenswert, dass das Buch Le Clézio auch hierzulande eine größere Leserschaft bescheren könnte. Aber ich befürchte, es wird wieder einmal nur ein Buch für eine kleine literarische Minderheit sein. Die Deutschen lieben nun einmal (leider) die Ziegelstein-dicken Romane, in denen alle Figuren und Handlungspfade möglichst breit getreten werden. Sie lieben (leider) nicht so sehr die schlanken und eleganten Novellen, in denen alles – Intellekt und Emotion, Philosophie und Psychologie – nur hintersinnig und feinfühlig angedeutet wird.

Und Le Clézio ist ein Meister der Andeutung, und es gibt wohl kaum einen zweiten – männlichen – Autor, der es so überzeugend vermag, sich in das Schicksal und die Psyche von Frauen einzufühlen. Mit June und Rachel hat er Mädchen und Frauen skizziert, denen Unrecht getan wird, die sich gegen Unterdrückung und Erniedrigung wehren, die in der Niederlage wachsen und die trotz allem und obwohl sie als zerrissene Individuen in einer zerschundenen Welt leben, sich einen optimistischen Blick bewahren und Lust haben, etwas Neues und Besseres auszuprobieren.

In der kleinen Form der Novelle erschafft Le Clézio große Literatur.

Frank Dietschreit, kulturradio

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